Die Suche nach dem Glück – eine Frage der Perspektive?

Redemanunskript von Professor Dr. Tobias Esch, Arzt, Neurowissenschaftler und Professor für Integrative Gesundheitsförderung

Haben Sie auch schon gehört, dass die glücklichsten Deutschen aktuell in Hamburg leben sollen? Sagt der Glücksatlas der Post, den der Volkswirt und Finanzwissenschaftler Professor Bernd Raffelhüschen kürzlich vorgestellt hat. Geld (Einkommen), Gene, Gesundheit und Geselligkeit (Gemeinschaft) sollen demnach für das Glück und die Lebenszufriedenheit der Menschen in erster Linie verantwortlich sein. Das deckt sich mit großen Teilen der psychologischen und neurowissenschaftlichen, gar neuroökonomischen „Glückswissenschaft“. Aber offenbar nicht mit allen. Warum soll jetzt beispielsweise, zugegeben etwas pauschal gefragt, ausgerechnet die Geselligkeit eine norddeutsche Errungenschaft sein? Oder die Gesundheit – bei zum Teil geringerer Lebenserwartung gegenüber den Südwestdeutschen? Das bleibt doch zu hinterfragen. Und so ist alles, wie es scheint, letztlich eine Frage der Sichtweise – und der Erhebungsinstrumente. Auch in der Wissenschaft. Und Glück ist nicht gleich Glück.

Der Harvard-Psychiater Prof. George Eman Vaillant hat in einer ebenso aktuellen wie auch auf riesigen Datenmengen basierenden Langzeitstudie in den USA unlängst darauf hingewiesen, dass es seiner Meinung nach fünf zentrale Lebensaufgaben gibt als „Garanten“ für Glück und Zufriedenheit: das „Schaffen“ (idealerweise achtsam, aufmerksam, gegebenenfalls im „Flow“), das Loslassen-Können, das Lieben, das Geben und das Glauben.

Verwirrend? Sprechen wir gegebenenfalls alle, zwar mit einer anderen Sprache und mit unterschiedlichen Instrumenten, aber letztlich doch vom Gleichen? Vom Ähnlichen? Es wird Zeit, den Versuch einer anwendungs-orientierten Integration zu wagen. Und hierfür eignen sich die moderne Neurobiologie als Ausgangspunkt und die Positive Psychologie als Umsetzungsstrategie in besonderer Weise. Dort unterscheidet man, das nur vorweg genommen, unter anderem drei unterschiedliche Arten von „Glück“.

In Zeiten, wo Glück in aller Munde ist und auch auf dem Büchermarkt die Bestsellerlisten anführt, während gleichzeitig in der Gesellschaft – und speziell in der Medizin – das Unglück in Form von Vereinzelung der Menschen, Stress, Depression, Burn-out oder weiteren medizinisch-therapeutischen „Katastrophen“ grassiert (zumindest aber wohl nicht kleiner zu werden scheint), mag es angebracht sein, sich die aktuelle Wissenschaft vom Glück auch aus medizinischer Sicht einmal näher anzuschauen und ein „Zwischenfazit“ (state of the art) zu ziehen. Was sagt die Medizin dazu? Oder noch viel mehr: Was aus der aktuellen Glücksforschung ist für die Medizin relevant, was sollten Ärzte und Therapeuten darüber wissen? Für das Glück der Patienten, aber auch für die eigene Lebenszufriedenheit? Ärzte und Therapeuten, so meinen wir, sollten teilhaben an den aktuellen und spannenden Entwicklungen einer „angewandten Glücksforschung“ – und genau dafür wurde das vorliegende Buch verfasst. Von einem Arzt und Neurowissenschaftler.

Stress und Glück, um einfach mal irgendwo anzufangen, schließen sich mittel- bis langfristig gegenseitig aus. Es ist alles eine Frage der Dosis. Wussten Sie, dass sich laut AOK Bayern die Diagnose Burn-out (unter deren Mitgliedern) in den letzten sechs Jahren verhundertfacht hat? Das hat sicher nicht nur medizinische Gründe, auch administrative und statistische, aber unstrittig ist, dass zum Beispiel Ausfalltage durch Stress und Burn-out rasant zugenommen haben. Und dass davon mehr Frauen als Männer betroffen sind. Und dass besonders die Branchen „Erziehung und Unterricht“ und vor allem „Gesundheits- und Sozialwesen“ gefährdet sind. Glück sieht irgendwie anders aus.

Unweigerlich wird man sich im Kontext der angesprochenen Fragen mit dem Gehirn sowie der Neurobiologie des Glücks einerseits und der Positiven Psychologie andererseits tiefer auseinandersetzen müssen: Alle Menschen wollen – und sollen – von Natur aus glücklich sein, und um das zu gewährleisten und unser Verhalten danach auszurichten, verfügt unser Gehirn über ein endogenes Motivations- und Belohnungssystem, das uns, gleich einer unsichtbaren inneren Richtschnur, nach dem handeln und streben lässt, was – in diesem Moment und unter Berücksichtigung aller Lebensumstände – vermeintlich gut für uns ist. Im Idealfall führt es uns so auch in einen Prozess der inneren Reifung und Authentizität hinein, der, nach den eher kurzen und heftigen Glücksmomenten der Jugend, schließlich eine tiefere und anhaltende Lebenszufriedenheit oder „Muße“ für uns bereithält, die weniger von außen erschütterbar, aber zugleich auch weniger „ekstatisch“ und konsumptiv ist, eher „still und bescheiden“. Im Idealfall.

Doch auf dem Weg dahin, d.h. zu unserer vermeintlichen biologischen Bestimmung, kann viel schief gehen. Auch aus medizinischer Sicht. Nicht nur, aber gerade in der heutigen Zeit. Das gilt nicht allein für den Patienten und/oder Klienten, sondern ebenso für den Arzt oder Therapeuten selbst: Burn-out, Sucht und auch Suizidalität sind weitgehend unbekannte Kehrseiten eines Helferberufes, der zwischen dem Helfen-wollen und dem Helfen-können manchmal eine Lücke lässt, die in einem klassischen Rollenverständnis zwischen den Beteiligten mit Macht einerseits und Partizipation und Entfaltung sowie deren Einschränkung andererseits zu tun hat. In den USA, so schätzt man, bekommt einer von drei Medizinern im Laufe seiner Karriere Burn-out. In Deutschland kann man, trotz einer schlechteren Datenlage, wohl von ähnlichen Größenordnungen ausgehen.

Und so scheint es für alle Seiten an der Zeit, auch aus Sicht einer gebotenen Ressourcenorientierung im Gesundheitswesen, den primären medizinischen Aufgabenfeldern der Diagnostik, Therapie und Medikation (Kuration und Palliation) als weitere Säule nun die Selbsthilfe und Selbstheilungsfähigkeit der Menschen gleichberechtigt an die Seite zu stellen, d.h. die (Auto-) Regulationsfähigkeit, welche ihrerseits in die neurobiologischen Belohnungsprozesse eingebettet ist. Moderne medizinisch-therapeutische Strömungen, die genau an jenen gesundheitsförderlichen und salutogenen Potenzialen der einzelnen Individuen ansetzen, wie zum Beispiel die Mind-Body-Medizin oder die Positive Psychologie, berücksichtigen genau das. Und das Gute daran: Die aktuelle Wissenschaft bietet spannende geisteswissenschaftliche, vor allem aber auch naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle ihrer Wirksamkeit an! Neben praktischen Tipps und konkreten Anleitungen – inklusive Ausflügen in die Achtsamkeitspraxis und ein wirksames Stressmanagement – finden Sie all das in diesem Buch!

Es gilt das gesprochene Wort.
Berlin, November 2011

Buchtipp