Die weibliche Gehaltslücke in der Medizin

Stuttgart, April 2012 - Frauen und Männern verdienen in Deutschland unterschiedlich viel, selbst wenn sie denselben Beruf ausüben. Auch von medizinischen Berufen ist dieses als Gender Pay Gap bezeichnete Phänomen bekannt. Wie die Einkommenssituation von Ärztinnen und Ärzten im Einzelnen aussieht, hat der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Thurm nun detailliert untersucht. In der neu gegründeten Zeitschrift „XX – Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) beschreibt er das Ausmaß der Ungleichheit – und welche Faktoren zu ihrer Entstehung beitragen.

„Die Vergütung von Ärztinnen liegt je nach Funktionsebene um 1,5 bis neun Prozent unter dem Durchschnitt“, fasst Thomas Thurm das Ergebnis seiner Untersuchungen kurz zusammen. Auf der tarifvertraglich recht starr geregelten Ebene der Weiterbildungsärzte ist der Geschlechterunterschied demnach mit 1,5 Prozent am geringsten ausgeprägt. Auf den weniger stark an Tarifverträge gebundenen Ebenen der Ober- und Chefärzte dagegen verdienen Frauen zwischen sieben und neun Prozent weniger als der Durchschnitt.

Auch wenn der Gender Pay Gap an deutschen Kliniken damit eher moderat ausfällt, rät Thurm dazu, die derzeitigen Vergütungsmodelle zu überarbeiten und weiterzuentwickeln. „Nur so können sich die Kliniken als attraktive Arbeitgeber positionieren und leistungsstarke Führungs- und Fachkräfte gewinnen“, sagt der Ökonom, der für die Unternehmensberatung Kienbaum tätig ist. Dies sei angesichts des demografischen Wandels, der prekären Situation auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt und des kontinuierlich steigenden Anteils weiblicher Beschäftigter in den Kliniken unerlässlich.

Thurm betont jedoch auch, dass es sich nicht bei jeder Ungleichheit auch um eine kalkulierte Ungerechtigkeit handelt. „Es ist nicht anzunehmen, dass die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen bewusst einer diskriminierenden Personalstrategie entspringt“, sagt er. Denn viele Frauen stellen die Karriere aus familiären Gründen bewusst hintan, arbeiten nicht in Vollzeit oder legen eine Babypause ein. Zum einen sammeln sie so weniger Berufserfahrung, was sich direkt im Lohnniveau niederschlägt. Zum anderen liegt der Stundenlohn bei Teilzeitstellen generell unter dem einer Vollzeitstelle. Als Teilzeitkraft ist es in vielen Bereichen zudem fast unmöglich, eine – besser dotierte – Führungsposition einzunehmen.

Umfragen belegen zudem, dass das Gehalt für Frauen nicht so stark im Vordergrund steht wie für Männer – häufig sehen sie sich eher in der Rolle des „Hinzuverdieners“. In Gehaltsverhandlungen zeigen sie sich daher zurückhaltender und sie fragen auch seltener nach einer Gehaltserhöhung. Dieses wenig selbstbewusste Selbstbild hat seine Wurzeln in klassischen Rollenstereotypen, die häufig unbewusst und somit schwer zu verändern sind. Auch Arbeitgeber sind nicht frei davon: „Wichtige positive Eigenschaften wie Belastbarkeit und Leistungsstärke werden immer noch eher Männern zugeschrieben“, so Thomas Thurm. In der Folge würden Frauen oft schlechter dotierte Einstiegsangebote unterbreitet.

Wohl leichter zu verändern als gesellschaftliche Rollenbilder sind strukturelle Voraussetzungen, die letztlich zu einer Lohndiskriminierung führen. Die Einrichtung einer verlässlichen Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeitmodelle etwa zeichnen einen attraktiven Arbeitgeber aus und ermöglichen Frauen eine leichtere Rückkehr ins Arbeitsleben.

Ob gesellschaftlicher oder struktureller Art – noch bestehende diskriminierende Umstände müssten dringend beseitigt werden, so Thomas Thurm, denn: „Eine moderne Gesellschaft kann das nicht länger tolerieren.“

T. Thurm:

Was verdienen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland?
XX– Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin 2012; 1 (1): S. 26-31

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