• Diskussionsforum

    Knapp 130 Teilnehmer aus Industrie, Agenturen und Krankenkassen diskutierten auf Einladung des Georg Thieme Verlags über die Auswirkungen des AMNOG.

     

Großes Interesse an Diskussionsforum „Market Access & Health Economics“ des Georg Thieme Verlages

Stuttgart, November 2013 – Fast drei Jahre nach Einführung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) erwartet man Bilanzen und Resümees, nicht jedoch Neuigkeiten. Dennoch gab es bei dem 4. Diskussionsforum „Market Access & Health Economics“, veranstaltet vom Georg Thieme Verlag, Überraschendes zu berichten: Erst zwei Tage zuvor war bekannt geworden, dass nach den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen die Bewertung des Bestandsmarkts – anders als im AMNOG vorgesehen – nicht fortgeführt werden soll. Die Neuigkeit wurde von den meisten der Referenten begrüßt – andere Punkte wurden hingegen kontrovers diskutiert. Knapp 130 Teilnehmer aus Industrie, Agenturen und Krankenkassen hatten am 6. November die Einladung des Georg Thieme Verlags nach Berlin angenommen.

Das Diskussionsforum unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Reinhard Rychlik, Direktor des Institutes für Empirische Gesundheitsökonomie in Burscheid, bot den Teilnehmern einen Überblick über die Positionen der Kassen, Pharmahersteller, Behörden und Institute.

Josef Hecken, Unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), berichtete aus erster Hand über das geplante Aussetzen des Bestandsmarktsaufrufs. Sobald der Vorschlag der Arbeitsgruppe Gesundheit durch ein Vorschaltgesetz oder einen Kabinettsbeschluss rechtswirksam sei, werde er alle laufenden Bestandsmarktverfahren stoppen. Der Wettbewerbsaufruf im Rahmen von Bewertungen innovativer Arzneimitteln werde hingegen nicht ausgesetzt werden. Hecken erläuterte darüber hinaus die bisherigen Ergebnisse der Nutzenbewertung. Derzeit seien 62 frühe Nutzenbewertungen abgeschlossen worden, bei über der Hälfte sei ein „beträchtlicher“ oder „geringer“ Zusatznutzen festgestellt worden. Bei vier Präparaten sei der Zusatznutzen nicht quantifizierbar gewesen. Ein „erheblicher Zusatznutzen“ sei bisher keinem Arzneimittel bescheinigt worden.

Zuvor hatte Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Pharmazeutische Industrie, die AMNOG-Ergebnisse aus Sicht der Pharmaunternehmen dargestellt. Er kritisierte vor allem die frühe Nutzenbewertung, die für die pharmazeutische Industrie mit Kosten von durchschnittlich 500.000 Euro verbunden sei. Eine solide Versorgung und der Zugang zu Innovationen seien nur mit mehr Aufwand für Verhandlungen und weniger Aufwand bei der Frühbewertung zu erreichen.

Auch Dr. Claus Runge, Geschäftsleitungsmitglied von AstraZeneca Deutschland, fürchtet Folgen für den Einsatz von innovativen Präparaten in Deutschland und warnte vor einem deutschen Sonderweg.

Dr. Antje Haas, Leiterin Abteilung Arznei- und Heilmittel im GKV-Spitzenverband, bezeichnete das AMNOG hingegen als Erfolg, da dadurch ein Perspektivwechsel von den Gewinninteressen der Pharmaindustrie hin zu den Versorgungsinteressen der Patienten stattgefunden habe. Innovationen würden identifiziert und belohnt.

Dr. Mathias Flume, Leiter des Geschäftsbereichs Verordnungsmanagement der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), berichtete aus Sicht der Ärzte, dass die neuen Präparate zwar von den Ärzten verordnet würden, die Ergebnisse der AMNOG-Nutzenbewertung bei der Therapieentscheidung jedoch keine Rolle spielten. Die pharmazeutischen Unternehmen kommunizierten die AMNOG-Bewertungen nicht an die Ärzte. Dabei könnte die frühe Nutzenbewertung im Rahmen des AMNOG durchaus eine Orientierungsmöglichkeit für Ärzte sein, wie Dr. med. Wolfgang Axel Dryden, 1. Vorsitzender der KVWL, betonte.

In Analogie zur Energiewende betrachtete der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Dieter Cassel, Emeritus für Wirtschaftspolitik, das AMNOG als „Pharmawende“, denn nun gebe es in Deutschland erstmals eine nutzenbasierte Preisregulierung. Die Erstattungsbeträge lägen durch das AMNOG in 89 Prozent der Fälle unter dem Durchschnitt der Listenpreise in 15 europäischen Vergleichsländern. Da die Arzneimittelpreise in Deutschland jedoch von 24 europäischen Ländern direkt oder indirekt referenziert würden, sei weiterhin mit sinkenden Preisen für Arzneimittel zu rechnen; die dadurch zu erwartenden Umsatzeinbußen seien mit Auswirkungen auf die Innovationsdynamik verbunden.

Jürgen Graalmann, Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstands des AOK-Bundesverbands, hält das AMNOG hingegen für das beste Gesetz für die Patienten in diesem Jahrtausend, da es die Versorgungsqualität verbessere. Abschließend erläuterte Dr. Manfred Zipperer, Unparteiischer Vorsitzender der Schiedsstelle nach § 130 b SGB V, die Aufgaben und Erfahrungen der Schiedsstelle, auch anhand einiger Beispiele.

Beim Stuttgarter Georg Thieme Verlag ist man mit der Veranstaltung sehr zufrieden: „Wir konnten unseren Kunden wieder spannende Themen präsentieren. Der hohe Zuspruch gibt uns recht – das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz ist diskussionswürdig und wichtig“, so Malik Zighmi, Verkaufsleiter Medizinische Kommunikation bei Thieme. Auch im nächsten Jahr plant der Georg Thieme Verlag eine Fortsetzung des erfolgreichen Formats.