DIVE: Patientenregister deckt Defizite in der Versorgung von Diabetikern auf

Stuttgart, Mai 2013 – Eine Gruppe von Ärzten, die sich in Schwerpunktpraxen auf die Betreuung von Diabetikern spezialisiert haben, tauschen ihre Behandlungsergebnisse seit September 2011 über ein Patientenregister aus. Erste Ergebnisse des DIabetes Versorgungs-Evaluation-Projekts (DIVE) werden jetzt in der Fachzeitschrift DMW “Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) vorgestellt. Sie weisen auf Defizite in der Versorgung von Diabetikern in Deutschland hin.

Die meisten der etwa sechs Millionen Diabetiker werden in Deutschland von Hausärzten betreut. Es gibt aber auch etwa 700 Schwerpunktpraxen, in denen sich Spezialisten um die Patienten kümmern. Hier werden häufig Menschen mit langjähriger Zuckerkrankheit betreut. Viele haben bereits Folgeschäden des Diabetes, berichtet Professor Dr. med. Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Der Diabetes-Experte gehört zu den Leitern des DIVE-Projekts. Das Register sammelt Einzelheiten zur Erkrankung, einschließlich Laborwerten und Komplikationen. Auch die Medikamente und andere von den Ärzten verordnete Therapien werden erfasst. Die Datenspeicherung erfolgt nur mit Einwilligung der Patienten und unter Einhaltung aller datenschutz- und datensicherheitstechnischen Anforderungen, versichert Professor Danne.

Trotz der rechtlichen Hürden und dem Zeitaufwand, der mit der Eingabe der Patientendaten verbunden ist, konnten bis März 2013 insgesamt 142 Schwerpunktpraxen für das Projekt gewonnen werden. DIVE hatte zu diesem Zeitpunkt die Daten von 84.774 Patienten zusammengetragen. Als Ziel streben Professor Danne und Mitarbeiter 250 Ärzte an, entsprechend etwa einem Drittel aller Praxen. Doch schon heute erlaubt der Datenpool wertvolle Einblicke in die Versorgungsqualität von Diabetikern in Deutschland.

Zu den ersten Erkenntnissen gehört, dass viele Patienten bei Aufnahme in das Register zu hohe Blutzuckerwerte haben. Bei den Typ-1-Diabetikern – sie sind wegen des Ausfalls der körpereigenen Hormonproduktion auf regelmäßige Insulin-Spritzen angewiesen – lag der Langzeitwert HbA1c durchschnittlich bei rund acht Prozent. Bei den Typ-2-Diabetikern – sie leiden unter einem Verlust der Insulinwirkung – waren die HbA1c-Werte mit im Durchschnitt rund siebeneinhalb Prozent nicht viel besser. Ideal ist ein HbA1c-Wert von unter sechseinhalb Prozent. Als akzeptabel gelten HbA1c-Werte bis sieben Prozent.

Auch andere Therapieziele wurden vor der Überweisung zum Spezialisten häufig nicht erreicht. So hatte etwa ein Viertel aller Typ-1-Diabetiker und gut ein Drittel aller Typ-2-Diabetiker bei Einschluss in das Register einen zu hohen Blutdruck. Die Cholesterinwerte waren sogar bei zwei Dritteln der Typ-1- und Typ-2-Diabetiker zu hoch. Die meisten dieser Patienten hatten keine Medikamente gegen den hohen Blutdruck oder die hohen Cholesterinwerte erhalten, berichtet Professor Danne. Dabei gehören hohe Blutdruck- und Cholesterinwerte neben dem Blutzucker zu den bekannten Ursachen für die Spätschäden des Diabetes. Diese waren bei vielen Diabetikern bereits aufgetreten. Unter den Typ-2-Diabetikern hatte gut ein Drittel Verengungen der Herzkranzgefäße und jeder Vierte litt unter den Folgen einer Arterienverkalkung. Bei mehr als der Hälfte war es zu Schädigungen der Nerven gekommen.

Das Patientenregister soll jedoch nicht nur Defizite aufzeigen. Die Initiatoren sehen es vor allem als Mittel, die Versorgung zu verbessern. Geplant sind laut Professor Danne regelmäßige Benchmarkings, in denen sich die Ärzte mit anderen Kollegen vergleichen können, sowie Qualitätsberichte, in denen Handlungsfelder für die Verbesserung der Versorgung aufgezeigt werden.

T. Danne et al.:
DIabetes Versorgungs-Evaluation (DIVE) – eine nationale Initiative zur Qualitätssicherung in der diabetologischen Versorgung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (18);
S. 934–939