Mögliche Pflegedefizite bei der Versorgung von Behinderten im Krankenhaus

fzm, Stuttgart, November 2015 – Menschen mit geistigen oder schweren körperlichen Behinderungen erhalten bei einem Krankenhausaufenthalt häufig nicht die angemessene therapeutische und pflegerische Versorgung. Dies beklagten Betreuer und Eltern der Behinderten in einer qualitativen Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2015).

Krankenhäuser müssen zunehmend wirtschaftlich arbeiten. In den letzten Jahren wurden deshalb die Liegezeiten verkürzt und Pflegepersonal abgebaut. Die negativen Folgen bekommen insbesondere Menschen zu spüren, die aufgrund von geistigen oder schweren körperlichen Behinderungen nicht selbständig sind, sondern in Wohneinrichtungen betreut werden. Müssen sie wegen einer akuten Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden, machen sich schnell Defizite bemerkbar. Dies wurde in Interviews deutlich, die Martina Hasseler, Professorin für angewandte Pflegewissenschaften an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg mit 15 Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen und sechs Eltern führte.

Da es zu diesem Forschungsthema noch keine geeigneten wissenschaftlichen Messinstrumente wie etwa Fragebögen gibt, wertete die Forscherin die Aussagen der Betroffenen nach den Grundlagen der „Grounded Theory“ aus, einem Verfahren der Sozialwissenschaften zur „gegenstandsbezogenen Theoriebildung“. Die Ergebnisse der Studie müssten deshalb in weiteren Studien überprüft werden, fordert die Pflegewissenschaftlerin.

Die Aussagen von Betreuern und Eltern weisen jedoch auf zahlreiche Mängel hin. Beklagt wurde, dass das Personal in den Kliniken sich zu wenig Zeit nehme und mit der pflegerischen und medizinischen Versorgung der Patienten häufig überfordert sei. Die Befragten beklagten einen Mangel an Erfahrungen und Qualifikationen, aber auch eine gestörte Kommunikation und Kooperation mit den Betreuern.

Professor Hasseler hat Berichte zu Behinderten zusammengetragen, deren Aufnahme in einem Krankenaus abgelehnt wurde, bei denen in der Klinik schwere Erkrankungen, beispielsweise ein Oberschenkelhalsbruch, nicht erkannt, oder bei denen grundlegende pflegerische Leistungen, etwa Hilfe bei Toilettengängen oder in der Körperhygiene, nicht durchgeführt wurden. Eine Mutter berichtete sogar, dass ihre Tochter in der Klinik an einem geplatzten Magen verstorben sei. Die Ärzte hätten es versäumt, die Flüssigkeit abzupumpen, die sich bei ihrer Tochter immer wieder im Magen angesammelt hat.

Die Expertin hat Ärzte und Pflegepersonal nicht zu den Anschuldigungen befragt. Sie hält jedoch die Berichte vor dem Hintergrund der derzeitigen Krankenhausversorgung für glaubhaft. Ihrer Ansicht nach werden neue „Maßnahmen, Konzepte und Interventionen“ in den Kliniken benötigt, um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für behinderte Patienten zu verbessern. Auch müsse das Personal durch eine Schulung besser auf die speziellen Bedürfnisse dieser Patientengruppe vorbereitet werden.

M. Hasseler:
Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen in der akut-stationären Versorgung – Ausgewählte Ergebnisse einer qualitativ-explorativen Untersuchung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (21); e217-e223