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    Prof. Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Schriftleiter der DMW (l.) und Prof. Dr. med. Claus F. Vogelmeier, Vorsitzender der DGIM (r.), zeichnen Prof. Dr. med. Jean-François Chenot (Mitte) aus. © DGIM/Sven Bratulic

     

DMW Walter Siegenthaler Preis für Studie zur Arzneimittelsicherheit

Wiesbaden/Stuttgart, Mai 2019 – Rund 50 Prozent aller Arzneimittel werden über die Nieren ausgeschieden. Deshalb benötigen Patienten mit einer chronischen Niereninsuffizienz (chronic kidney disease) Medikamente in einer angepassten Dosierung. Einige Präparate sollten sie gar nicht einnehmen. Ob Hausärzte Nierenpatienten ihre Medikamente entsprechend verordnen, haben Forscher der Universitätsmedizin Greifswald in Zusammenarbeit mit dem KfH-Nierenzentrum Greifswald untersucht. Ihre Ergebnisse haben sie in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlicht. Laut Dr. med. Maria Mahner und Professor Dr. med. Jean-François Chenot war bei den über 5000 Verordnungen der Anteil der fehlerhaften Medikationen relativ gering. „Dennoch erhielten rund 29 Prozent der Patienten mindestens einen Wirkstoff, der inadäquat dosiert war oder überhaupt nicht hätte verordnet werden dürfen“, fassen die Forscher zusammen. Da 55 Prozent aller Fehlverordnungen auf nur fünf Medikamente entfielen, empfehlen sie eine auf diese Wirkstoffgruppen fokussierte Information für Hausärzte. Auch ein elektronisches Informationssystem zur Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz könne von Vorteil sein. Für ihren Originalbeitrag mit dem Titel „Arzneimittelverordnung bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz in der hausärztlichen Versorgung“ erhalten die Autoren den diesjährigen DMW Walter Siegenthaler Preis. Die Auszeichnung wurde am 6. Mai 2019 im Rahmen des 125. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden verliehen.

Laut der Deutschen Nierenstiftung leiden etwa eineinhalb Millionen Menschen hierzulande unter einer eingeschränkten Nierenfunktion. Mediziner müssen dann besonders darauf achten, welche Medikamente sie ihren Patienten bei möglichen weiteren Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus verschreiben und in welcher Dosierung.

Professor Dr. med. Jean-François Chenot leitet am Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) die Abteilung für Allgemeinmedizin. Gemeinsam mit Dr. Maria Mahner und weiteren Mitarbeitern hat er die Querschnittsstudie durchgeführt, die von der KfH-Stiftung Präventivmedizin gefördert wurde. Die Untersuchung schloss 34 Hausarztpraxen in Vorpommern ein. Insgesamt erhielten 589 Patienten mit Niereninsuffizienz 5102 Verordnungen. Davon haben die Ärzte nur rund zwei Prozent der Medikamente zu hoch dosiert, weitere zwei Prozent entfielen auf Medikamente, die sie nicht hätten verschreiben dürfen. Im Durchschnitt nahmen die Patienten fast neun Wirkstoffe ein. Bei 173 Patienten war mindestens eine Verordnung nicht korrekt, was rund 29 Prozent der Stichprobe entspricht. Insbesondere ACE-Hemmer und Diuretika, die zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzschwäche verschrieben werden, verordneten Hausärzte laut Beipackzettel nicht korrekt. Auch Antidiabetika für Patienten mit Typ-2-Diabetes waren häufig nicht auf die Nierenfunktion angepasst. Des Weiteren fielen den Wissenschaftlern nicht korrekte Verordnungen des Medikaments Methotrexat auf, mit dem Rheuma und andere Autoimmun-erkrankungen behandelt werden. Auch Kalium-Präparate zur Behandlung von Elektrolytstörungen waren oft nicht richtig dosiert.

„Bislang fehlt es noch an Studien, um die klinische Relevanz der Medikationsfehler besser einschätzen zu können“, erklären die Preisträger. Hier sehen sie weiteren Forschungsbedarf. Kritisch beurteilen sie die unterschiedlichen Angaben in den Fachinformationen, die die Arzneimittelhersteller nach Rücksprache mit den Zulassungsbehörden veröffentlichen, und den Empfehlungen der Fachgesellschaften, die auf den Ergebnissen klinischer Studien beruhen. „Hier benötigen wir dringend einen Konsens, um die Versorgungsqualität für die Patienten zu erhöhen“, fordern Mahner und Chenot. Zudem regen sie Informationen für Hausärzte zu besonders kritischen Wirkstoffen an. Elektronische Verordnungshilfen könnten zusätzliche Sicherheit im Praxisalltag schaffen.

Professor Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Schriftleiter der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“, erklärt die Juryentscheidung so: „Mit ihrer Untersuchung leisten die Autoren einen wichtigen Beitrag zur Frage der Arzneimittelsicherheit im hausärztlichen Bereich.“

Die 1875 gegründete DMW, die seit 1887 im Georg Thieme Verlag erscheint, vergibt die nach dem Schweizer Internisten Professor Dr. med. Dr. h. c. Walter Siegenthaler (1923–2010) benannte Auszeichnung in diesem Jahr zum 20. Mal. Der mit 5000 Euro dotierte Preis zeichnet Autoren aus, deren Forschungsarbeit im Vorjahr in der DMW publiziert wurde und prägenden Einfluss auf Medizin und Gesundheit genommen hat und nimmt.

M. Mahner, C. Raus, F. Ludwig, G. Weckmann, S. Stracke. J.-F. Chenot:
Arzneimittelverordnung bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz in der hausärztlichen Versorgung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143 (12); e99-e107