DMW Walter Siegenthaler Preis geht 2013 an Stuttgarter Mediziner – Strategien zur Brustkrebsnachsorge auf dem Prüfstand

Stuttgart, April 2013 – Über 74 000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich neu an Brustkrebs. Bei vielen kehrt der Tumor nach der Erstbehandlung zurück. Eine sorgfältige Nachsorge ist daher besonders wichtig. Eine über zehn Jahre angelegte Feldstudie des Onkologischen Schwerpunkts Stuttgart (OSP) hat die Brustkrebsnachsorge deshalb kritisch unter die Lupe genommen. Die in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass eine symptomorientierte Nachsorge einer aufwendigen apparativen Form hinsichtlich des Gesamtüberlebens nicht unterlegen war. Für die Arbeit „Symptomorientierte Nachsorge nach Mammakarzinom im Vergleich zur intensiv-apparativen Nachsorge“ erhalten der Erstautor Dr. med. Sven Bornhak und die Co-Autoren den DMW Walter Siegenthaler Preis. Die Verleihung fand am 8. April 2013 im Rahmen des 119. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden statt.

Für die Brustkrebsnachsorge empfehlen nationale und internationale Leitlinien erst dann weitere Untersuchungen, wenn erneut Beschwerden auftreten. Ob eine engmaschige Kontrolle unabhängig vom Auftreten von Symptomen das Überleben der Betroffenen verlängern würde, hat das Forscherteam um Dr. med. Sven Bornhak untersucht. Zur intensiv-apparativen Nachsorge zählten Röntgenaufnahmen des Brustkorbs, Ultraschalluntersuchungen der Leber sowie die Bestimmung von Tumormarkern und weitere Laboruntersuchungen.

Von 1995 bis 2000 nahmen 670 Patientinnen mit erstmals operiertem Brustkrebs an der Studie des OSP teil. 244 davon entschieden sich für einen apparativen Nachsorgeplan, 426 für die symptomorientierte Nachsorge, das heißt, bei ihnen fanden weitere Untersuchungen erst nach einer wahrnehmbaren Veränderung des Allgemeinbefindens statt. Für beide Gruppen waren die sorgfältige Aufnahme der Krankengeschichte, eine klinische Untersuchung sowie eine regelmäßige Mammografie vorgeschrieben. Darüber hinaus verglichen die Forscher die Studienteilnehmerinnen beider Gruppen mit 1100 Nicht-Teilnehmerinnen aus dem Stuttgarter Klinischen Krebsregister.

Für die Teilnehmerinnen der symptomorientierten Nachsorgegruppe ergab sich eine geschätzte 10-Jahres-Überlebensrate von rund 83 Prozent gegenüber 79 Prozent für intensiv-apparativ betreuten Patientinnen. Gegenüber den Nicht-Teilnehmerinnen mit einer geschätzten 10-Jahres-Überlebensrate von etwa 80 Prozent waren die Studien-Teilnehmerinnen mit einer Rate von im Mittel 82 Prozent im Vorteil.

„Unsere Daten bestätigen, dass die intensiv-apparative Nachsorge im Vergleich zur symptomorientierten keine Vorteile hinsichtlich eines verlängerten Gesamtüberlebens bringt“, so die Preisträger. Für die Praxis sei es daher sinnvoll und ressourcensparend, die bereits durch Leitlinien empfohlene symptomorientierte klinische Nachsorge anzuwenden. Wichtig sei jedoch nach wie vor die regelmäßige Mammografie.

Die unabhängige Fachjury des DMW Walter Siegenthaler Preises überzeugte die 2012 publizierte Arbeit durch die institutionsübergreifende Erhebung der Daten und deren aufwendige Analyse. „Die Studie leistet einen sehr wichtigen Beitrag zur Nachsorge von Brustkrebspatientinnen“, betont Professor Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Chefredakteur der DMW.

Der Onkologische Schwerpunkt Stuttgart e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, in dem 14 Stuttgarter Kliniken fächerübergreifend zusammenarbeiten, um die Situation von Tumorkranken zu verbessern. Derzeitige Vorsitzende und Co-Autorin der ausgezeichneten Arbeit ist Professor Dr. med. Else Heidemann.

Die 1875 gegründete DMW, die seit 1887 im Georg Thieme Verlag erscheint, vergibt den nach dem Schweizer Internisten Professor Dr. med. Dr. h. c. Walter Siegenthaler (1923–2010) benannten Preis in diesem Jahr zum vierzehnten Mal. Der mit 5 000 Euro dotierte Preis zeichnet Autoren aus, deren Forschungsarbeit im Vorjahr in der DMW publiziert wurde und prägenden Einfluss auf Medizin und Gesundheit genommen hat und nimmt.