Walter Siegenthaler Preis der DMW geht an Hamburger Mediziner: Großes EHEC-Kollektiv untersucht – EHEC bleibt wichtiges Thema

Stuttgart, April 2012 – Bereits in den ersten sechs Wochen des Jahres 2012 wurden dem Robert-Koch-Institut 121 Patienten gemeldet, die sich mit enterohämorrhagischen Escherichia-coli-Bakterien (EHEC) infiziert hatten. Somit bleibt die Betreuung von Patienten mit EHEC auch nach der Epidemie in Norddeutschland Mitte 2011 eine Herausforderung. Eine Studie in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) beschreibt mit 117 Patienten eines der bislang größten Kollektive mit überwiegend jungen und weiblichen Patienten mit EHEC. Die Studie beschreibt Diagnostik, Therapie und Verlauf bei diesen Patienten. Für ihre Aufarbeitung der EHEC-Krise von 2011 verleiht die DMW den Autoren Dr. med. Claudia Dücker und Dr. med. Philip Dautel zusammen mit ihren Co-Autoren aus der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg den DMW Walter Siegenthaler Preis. Die Preisverleihung findet am Dienstag, dem 17. April 2012 auf dem 118. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden statt.

Im Mai 2011 infizierte sich nach dem Verzehr kontaminierter Sprossen vor allem in Norddeutschland eine dramatisch hohe Zahl von Patienten mit entero-hämorrhagischen Escherichia coli (EHEC). Zum Teil erkrankten die Betroffenen an einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Dieses lebensbedrohliche Syndrom verursacht unter anderem akutes Nierenversagen, Zerstörung von roten Blutkörperchen und die Verminderung von Blutplättchen, die eine entscheidende Rolle bei der Blutgerinnung spielen.

Insgesamt beschreibt die ausgezeichnete Studie 117 Patienten mit Verdacht auf eine Infektion mit dem Darmbakterium. Bei 68 Patienten wiesen die Mediziner eine EHEC-Infektion (in 36 Fällen) oder ein HUS (in 32 Fällen) nach. „Tatsächlich konnte bei einigen der HUS-Patienten kein EHEC-Nachweis geführt werden, dennoch werden auch diese Patienten eine EHEC-Infektion erlitten haben“, sagt Dr. med. Philip Dautel. Interessant sei, dass nicht alle HUS-Patienten blutigen oder überhaupt Durchfall hatten. „Offensichtlich besiedeln in diesen Fällen die Bakterien den Darm und lösen das HU-Syndrom aus, ohne zwingend eine Diarrhoe zu verursachen“, so Dautel.

Bei 18 Patienten entwickelten sich zudem schwere neuropsychiatrische Symptome mit Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen oder Angstzuständen. In mehreren Fällen kam es sogar zu epileptischen Anfällen. „Einige der Patienten erholten sich rasch von den teils schweren Symptomen, andere Patienten entwickelten einen schweren Verlauf mit langer Intensivtherapie“, so Dr. Dücker. In der Regel wurde die Plasmaseparation frühzeitig bei Entstehen des HUS begonnen. Dennoch entwickelten die Patienten sehr unterschiedliche Verläufe. Bei der Plasmaseparation wird das Blutplasma der Patienten ausgetauscht, um die darin gelösten bakteriellen Giftstoffe aus dem Körper zu entfernen.

Die unabhängige Fachjury des DMW Walter Siegenthaler Preises prämiert die Arbeit vor allem wegen der darin beschriebenen erfolgreichen interdisziplinären Behandlung vieler Patienten mit EHEC: „Bisher umfasst die Studie weltweit eines der größten Patienten-Kollektive mit fast 70 Prozent weiblichen Patienten, die im Mittel 47 Jahre alt waren“, sagt Professor Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Chefredakteur der DMW. Die Ergebnisse zeigen, wie eine erfolgreiche Therapie gelingt. Die Arbeit sei aber nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der überstandenen EHEC-Krise. „EHEC ist ein Dauerthema“, betont der Vorsitzende.

Die DMW, die seit 1887 im Georg Thieme Verlag erscheint, vergibt den nach dem Schweizer Internisten Professor Dr. med. Dr. h. c. Walter Siegenthaler benannten Preis in diesem Jahr zum dreizehnten Mal. Der mit 5 000 Euro dotierte Preis zeichnet Autoren aus, deren Forschungsarbeit im Vorjahr in der DMW publiziert wurde und prägenden Einfluss auf Medizin und Gesundheit genommen hat und nimmt.