Doping und Enhancement: Ethiker warnt vor dem „posthumanen Wesen“

fzm – Anabolika stählen den Körper, eine Brustoperation verschönert ihn. Psychopharmaka helfen bei schwierigen Prüfungen und eine “Happy Pill” überwindet den Beziehungs-Stress. Medizinisch ist ein solches Nachbessern an der Natur, Enhancement genannt, bereits möglich, wenn auch nicht immer ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ein Medizinethiker warnt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) darüber hinaus vor einem Selbstbetrug und dem Verlust der Authentizität.

Derzeit erscheint klar: Anabolika fügen dem Körper langfristig schwere Schäden zu. Psychopharmaka zur Steigerung geistiger Leistungen oder zur Stimmungsaufhellung können schnell zur Sucht führen. Prinzipiell sei aber nicht auszuschließen, dass nebenwirkungsfreie Mittel zum Enhancement von Körper und Geist entwickelt werden, schreibt Dr. phil. Joachim Boldt, stellvertretender Leiter am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg. Auch die Medizintechnik könnte „helfen“. Beispielsweise könnte zukünftig eine elektronische Vorrichtung im Gehirn unerwünschte Gefühle beseitigen. Mit der Tiefenhirnstimulation, die zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung entwickelt wurde, lassen sich nebenbei auch Depressionen abstellen, gewissermaßen auf Knopfdruck.

Selbst wenn ein solches Enhancement ohne Risiken möglich wäre, bleibt es aus Sicht des Medizinethikers doch höchst problematisch. Die Verbesserung von Körper und Geist ist nicht so wertneutral, wie die Befürworter eines Enhancements sie oft darstellen, schreibt Dr. Boldt: Sie transportiert im Gegenteil bestimmte Vorstellungen über dass Gute. Gut sei demnach die Verbesserung der Leistungsfähigkeit oder organischer Prozess des Einzelnen. Ausgeblendet werde dabei, dass Handlungen ihren Sinn aus einem Gesamthorizont gewinnen, vor dem sie stattfinden, schreibt Dr. Boldt: “Zu diesem Horizont gehören soziale Interaktion, angemessene emotionale Reaktionsfähigkeit und Fähigkeit zur Revision von Handlungszielen.” Wer eine Pille einnehmen müsse, um ein liebenswerter Mensch zu sein oder seine beruflichen Fähigkeiten zu verbessern, trennt nach Ansicht des Medizinethikers Mittel und Zweck: “Liebe und Bildung sind keine Ziele, die als isolierte Zustände mit Hilfe welcher Mittel auch immer angestrebt werden, sondern sie beschreiben Haltungen und Perspektiven, vor deren Hintergrund unsere Handlungen Sinn und Gewicht gewinnen.”

Der Medizinethiker warnt in diesem Zusammenhang vor einem Verlust an Authentizität. Wer sich mit Hilfe eines Psychopharmakons dauerhaft in eine bessere Stimmung versetze, ohne an bedrückenden, als leer empfundenen Routinen des Alltags etwas zu ändern, der betrüge sich selbst, weil er sich zwar glücklicher fühlt, an den eigentlichen Ursachen für sein Unglück aber nichts ändere, mahnt Dr. Boldt: “Es gibt etwas, das wir normalerweise für das Menschsein als gegeben akzeptieren. Eine Überschreitung dieser Grenze macht uns nicht besser, sondern macht uns zu `posthumanen´ Wesen.”

J. Boldt:
Doping, Enhancement, Verbesserung: Aufgaben für die Medizin der Zukunft?

DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (37):

S. 1823-1826

 

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