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    Die Diagnose Demenz ist für Patienten und Angehörige eine Belastung – psychisch und finanziell. © freshidea/ Fotolia.com

     

Drastischer Anstieg der Demenz-Diagnosen – In der Diskussion stehen finanzielle Anreize für Patienten und Hausarztpraxen

fzm, Stuttgart, September 2017 – In Deutschland kam es im Jahr 2013 zu einem sprunghaften Anstieg von Demenz-Diagnosen in Hausarztpraxen. In Facharztpraxen konnte eine ähnliche Entwicklung nicht festgestellt werden. In der Fachzeitschrift „Fortschritte der Neurologie Psychiatrie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017) diskutieren Experten daher, inwieweit die zeitgleich eingeführten Änderungen für die Pflegestufe 0 sowie die neuen Vergütungsregelungen des geriatrischen Assessments in Hausarztpraxen zu dem drastischen Diagnoseanstieg beigetragen haben könnten.

Der Hausarzt ist in Deutschland die erste Anlaufstelle für Patienten. Dies gilt auch für Menschen, die unter Gedächtnisstörungen leiden. Da sich die Diagnostik einer Demenz in den letzten Jahren nicht verändert hat, ist es umso überraschender, dass sich die Zahl der Diagnosen von 110 448 im Jahr 2012 auf 209 769 im Jahr 2013 nahezu verdoppelt hat. Dr. med. Jens Bohlken, Facharzt für Neurologie und zuständig für das Demenz-Referat im Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN), Dr. rer. pol. Bernhard Michalowsky vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und Professor Dr. Karel Kostev vom Forschungsinstitut QuintilesIMS in Frankfurt sind den möglichen Gründen nachgegangen.

Hierzu werteten die Wissenschaftler die Abrechnungsdaten von 874 Hausarztpraxen und 141 Facharztpraxen aus, die in den Jahren 2011 bis 2015 mehr als 14 000 Patienten mit Demenz behandelt hatten. Die Daten der Hausarztpraxen zeigten eine Zunahme der Erstdiagnose Alzheimer von 774 Patienten im Jahr 2012 auf 962 Patienten in 2013. Alzheimer, als eine der häufigsten Formen der Demenzerkrankungen, tritt als Folge einer Stoffwechselstörung im Gehirn auf. Sie führt zu Ablagerungen, die allmählich die Hirnzellen zerstören. Eine vaskuläre Demenz ist die Folge von Gefäßverkalkungen. Infolgedessen kommt es zu punktuellen Ausfällen im Gehirn, die in der Summe eine Demenz ergeben. Diese Diagnose stellten die Hausärzte 2012 bei 869 Patienten erstmals fest, 2013 schon bei 1 620. In den meisten Fällen unterscheiden Hausärzte jedoch nicht zwischen diesen beiden Formen: Die Diagnose „unspezifische Demenz“ erhielten 2012 insgesamt 3 976 Patienten, 2013 schon 5 678. Gleichzeitig behandelten Hausärzte jedoch verhältnismäßig weniger Patienten mit sogenannten Antidementiva.

Bei den Fachärzten konnten die Forscher eine vergleichbare Entwicklung nicht feststellen: keine Zunahme der Diagnoserate, keine Veränderung in der Zuordnung zu den Demenzformen, keine Abnahme der Antidementiva-Verordnungsrate.

Die Entwicklung der Diagnosezahlen könnte mit zwei Veränderungen in der Versorgung von Demenz-Patienten in Zusammenhang stehen: Zum einen wurde Anfang 2013 die Pflegestufe 0 grundlegend überarbeitet, sodass erstmals Menschen mit Demenz und deren Alltagseinschränkungen in der Pflegestufe 0 Berücksichtigung fanden. Seitdem erhalten Patienten bereits bei einer eingeschränkten Alltagskompetenz Geld- oder Sachleistungen von der Pflegeversicherung: in der Pflegestufe 0 in Höhe von bis zu 1 440 Euro pro Jahr. Die Experten sehen darin einen finanziellen Anreiz für die Patienten und ihre Angehörigen.

Parallel dazu gab es im Oktober 2013 Änderungen in der Vergütung des hausärztlich-geriatrischen Assessments und dessen testpsychologischen Leistungen: Seitdem können Hausärzte die Behandlung von Demenz-Patienten als Zusatzleistung mit den Krankenkassen abrechnen. Der maximale Wert beträgt pro Patient und Jahr rund 90 Euro. Gleichzeitig sind sie dazu angehalten, die Gedächtnisstörung ihrer Patienten regelmäßig zu überprüfen. Zudem müssen für die Durchführung und Abrechnung des geriatrischen Assessments bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Ein Mindestalter der Patienten von 70 Jahren sowie die Bewilligung einer Pflegestufe.

In der Wechselbeziehung zwischen der in 2013 eingeführten Neuregelungen der Pflegestufe 0 sowie der Voraussetzung einer Pflegestufe zur Abrechnung des geriatrischen Assessments in der Hausarztpraxis sehen die Autoren eine plausible Erklärung für den sprunghaften Anstieg der Diagnose Demenz.

J. Bohlken, B. Michalowsky, K. Kostev:
Drastischer Anstieg neudiagnostizierter Patienten mit Demenz in deutschen Hausarztpraxen im Jahr 2013. Bessere Erkennung oder finanzieller Anreiz?
Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2017; 85 (8); S. 467–473