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    Auch wenn keine familiäre Vorbelastung bekannt ist, sollte Patientinnen mit Eierstockkrebs ein Gentest empfohlen werden. © medistock / stock.adobe.com

     

Genetische Risiken bei Eierstockkrebs sind häufiger als angenommen

fzm, Stuttgart, November 2020 - Fast jede vierte Frau, die an Eierstockkrebs erkrankt ist, weist Mutationen in den Brustkrebs-Genen BRCA1/2 auf. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in der Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) erschienen ist und in der Abteilung für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie der Kliniken Essen-Mitte durchgeführt wurde. Demnach liegt auch für Frauen, die keinerlei familiäre Vorbelastung aufweisen, die Mutationswahrscheinlichkeit über dem Grenzwert von zehn Prozent, ab dem eine Genanalyse vom Deutschen Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs befürwortet wird. Ausgehend von ihren Ergebnissen empfehlen die Studienautoren deshalb eine genetische Beratung und Testung für alle betroffenen Patientinnen – unabhängig von ihrer familiären Krebsbelastung bezogen auf Brust- und/oder Eierstockkrebs. Die kürzlich vorgenommenen Anpassungen der Checkliste in Bezug auf "singuläre" Eierstockkrebs-Fälle durch das Konsortium begrüßt Erstautorin PD Dr. med. Beyhan Ataseven deshalb.

Bisher war es nicht üblich, Frauen, die an Eierstockkrebs erkrankt sind, auf Brustkrebs-Gene BRCA1/2 zu testen. Aufgrund neuer Behandlungsmöglichkeiten wird die Genanalyse jedoch auch bei ihnen notwendig: So ist der Nachweis einer BRCA1/2-Mutation, sei es im Tumorgewebe, im Blut oder in der Keimbahn, für eine Behandlung mit PARP-Inhibitoren in Deutschland erforderlich. Diese neuen Krebsmittel, zu denen auch Olaparib gehört, können bei Frauen mit BRCA1/2-Mutationen die Zeit bis zu einem Rückfall der Erkrankung klinisch relevant verlängern. Gleichzeitig können sie auch die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Zeitraum einen Rückfall zu erleiden, deutlich senken.

Das Testergebnis der Genanalyse ist aber auch für nahe Angehörige der betroffenen Patientinnen wichtig. Denn im Falle einer erblichen (Keimbahn-)Mutation liegt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Mütter, Schwestern und Töchter diese ebenfalls aufweisen, bei 50 Prozent. Sie haben ein Lebenszeitrisiko von bis zu 70 Prozent, an einem Brustkrebs, und von bis zu 63 Prozent, an einem Eierstockkrebs zu erkranken.

Um die Wahrscheinlichkeit auf ein positives Testergebnis besser abschätzen und eine Gentestung gezielt empfehlen zu können, hat das Deutsche Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs eine Checkliste entwickelt. Darin werden neben der patienteneigenen Krebsanamnese auch Fälle von Brust- oder Eierstockkrebs bei Geschwistern und Familienmitgliedern der väterlichen und mütterlichen Linie abgefragt. Anhand eines Punkte-Scores können Ärzte die familiäre Belastung und das Erkrankungsrisiko einschätzen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Erbgutveränderung geht mit einer deutlichen Steigerung des Krebsrisikos einher. Ab einem Checklisten-Scorewert von drei Punkten wird eine Mutationswahrscheinlichkeit von zehn Prozent oder mehr angenommen. Mediziner können dann eine genetische Beratung veranlassen. Bis zur Anpassung der Checkliste im August 2020 erzielten Patientinnen mit Eierstockkrebs, bei denen kein erhöhtes familiäres Risiko vorlag, einen Punktewerte von zwei Punkten. Folglich wurden sie nicht als Kandidatinnen für eine genetische Beratung identifiziert.

Die Erfahrungen, die die Evangelischen Kliniken Essen-Mitte in den letzten Jahren gemacht haben, sprechen dafür, allen Frauen mit Eierstockkrebs zum BRCA1/2-Test zu raten. Wie die Koordinatorin des dortigen Gynäkologischen Krebszentrums, PD Dr. med. Beyhan Ataseven, in ihren Untersuchungen zeigen konnte, wurde insgesamt bei 127 von 545 untersuchten Patientinnen (23,3 Prozent) eine BRCA1/2-Mutation nachgewiesen. Dabei lag die Rate an BRCA1/2-Mutationen auch bei 223 Frauen mit negativer Eigen-/ bzw. Familienanamnese mit 10,8 Prozent über der vom Konsortium geforderten Zehn-Prozent-Schwelle. Bei 453 Patientinnen wurden darüber hinaus weitere potenzielle Risikogene untersucht, und hier waren bei 6,2 Prozent der Patientinnen ebenfalls pathogene Mutationen nachweisbar. "Anhand unserer Untersuchungen und auch anderer Studien ist davon auszugehen, dass etwa ein Drittel der BRCA1/2-Keimbahnmutationen übersehen wird, wenn allein auf Basis einer positiven Familienanamnese über eine Testung entschieden wird", so Ataseven.

Die Erstautorin und ihre Kollegen begrüßen es deshalb, dass die Checkliste kürzlich überarbeitet wurde. In der neuen Version erhalten nun auch Patientinnen mit Eierstockkrebs einen Punkte-Score-Wert von drei und damit eine Empfehlung für einen Gentest, auch wenn sie selbst erstmals an Krebs erkrankt sind und es noch keine Fälle von Brust- oder Eierstockkrebs in der Familie gab.

B. Ataseven et al.:
Prevalence of BRCA1 and BRCA2 Mutations in Patients with Primary Ovarian Cancer – Does the German Checklist for Detecting the Risk of Hereditary Breast and Ovarian Cancer Adequately Depict the Need for Consultation?

Prävalenz von BRCA1- und BRCA2-Mutationen bei Patientinnen mit primärem Ovarialkarzinom – bildet die deutsche Checkliste zur Erfassung des Risikos für erblichen Brust- und Eierstockkrebs den Beratungsbedarf ausreichend ab?
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2020; 80 (9); S. 932–940

Hinweis: Das Deutschen Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs hat die Checkliste zur Empfehlung einer Genanalyse im August 2020 angepasst. Der Artikel von B. Ataseven et al. erschien nur wenige Tage danach und bezieht sich daher noch auf die zuvor verwendete Checkliste.

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