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    Bindungserfahrungen beeinflussen das Arzt-Patienten-Verhältnis – und zwar von beiden Seiten. © Alexander Raths – Fotolia.com

     

Der Einfluss von Bindungsmustern auf die Arzt-Patienten-Kommunikation

fzm, Stuttgart, Oktober 2016 – Hausärzte sehen ihre Patienten oft über Jahre hinweg, kennen deren Krankheitsverlauf gut und oft auch die private Lebenssituation. "Das ermöglicht es, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Funktion einer Bezugsperson einzunehmen", erklären Diplom-Psychologen des Universitätsklinikums Jena. Diese Rolle sei aber nicht immer einfach: Gerade bei einer intensiven Arzt-Patient-Beziehung tragen Patienten ihre Bindungserfahrungen auch in die Praxis. In der Fachzeitschrift "PiD Psychotherapie im Dialog" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) fassen die Experten zusammen, was Hausärzte über Bindungsmuster und deren Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis wissen sollten.

"Gemäß der Bindungstheorie werden Bindungserfahrungen aus der frühen Kindheit unbewusst abgespeichert. Diese verinnerlichten Bindungsmuster wirken dann bis ins Erwachsenenalter nach", erläutern Professor Dr. phil. Bernhard Strauß und Dr. phil. Katja Brenk-Franz. Eine besondere Herausforderung für den Hausarzt können "unsicher-vermeidende" und "unsicher-ambivalente" Bindungsmuster darstellen. Das erste zeichnet sich dadurch aus, dass nur wenig Zugang zu Kindheitserinnerungen besteht. Es werden eher distanzierte zwischenmenschliche Beziehungen geführt und negative Emotionen eher verdrängt. "Unsicher-ambivalent" bedeutet dagegen, dass Kindheitserinnerungen noch immer starke Emotionen hervorrufen und auch aktuelle negative Emotionen sehr stark erlebt werden.

Wer in seiner Kindheit sichere Bindungserfahrungen mit verlässlichen Bezugspersonen gemacht hat, hat im Idealfall ein sicheres Bindungsmodell verinnerlicht, das er auch auf andere Personen und Beziehungen überträgt. Das erlaubt es ihm, ein soziales Netzwerk auszubilden und dieses in die Bewältigung von Problemen einzubinden. "Diese Fähigkeit, Hilfe anzunehmen, wirkt sich auch im Krankheitsfall positiv aus", erklären Strauß und Brenk-Franz. Außerdem setzen sich sicher gebundene Menschen mit Belastungen und Problemen aktiv auseinander.

Dagegen können unsichere Bindungserfahrungen - wie etwa der Verlust von Bezugspersonen oder Misshandlungen in der Kindheit - den späteren Umgang mit Krankheiten erheblich erschweren. So neigen unsicher-ambivalent gebundene Menschen dazu, negative Informationen und Krankheitssymptome überzubewerten und zu dramatisieren. Nachdrücklich fordern sie Hilfsleistungen und Aufmerksamkeit von Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonal. In diesen Punkten verhalten sich unsicher-vermeidend gebundene Patienten genau entgegengesetzt: Sie bagatellisieren ihre Erkrankung, ignorieren Schmerzempfindungen, nehmen nicht gerne Hilfe in Anspruch oder vermeiden sogar den Arztbesuch.

"Die Arzt-Patient-Beziehung kann sich sowohl bei unsicher-vermeidenden, als auch bei unsicher-ambivalenten Patienten problematisch gestalten", so die Diplom-Psychologen. Hier biete die Bindungstheorie aber nicht nur einen Erklärungsansatz, sondern auch einen praktischen Nutzen. So lasse sich etwa die Therapietreue vermeidender Patienten verbessern, wenn der Wunsch nach einer distanzierten Beziehung respektiert werde. Manch ein Arzttermin lasse sich auch durch einen Telefon- oder E-Mail-Kontakt ersetzen. Bei ambivalenten Patienten raten die Experten unter anderem dazu, zwar häufige, aber kurze und genau strukturierte Termine zu vereinbaren.

Und nicht zuletzt muss der Behandler sich im Lichte der Bindungstheorie auch selbst kritisch betrachten - denn auch er bringt seine eigenen Bindungserfahrungen und Bindungsmuster mit in das Behandlungszimmer.

K. Brenk-Franz und B. Strauß:
Bindung in der primärmedizinischen Versorgung. Ein Schlüssel zu effektiver Arzt-Patienten-Interaktion
PiD Psychotherapie im Dialog 2016, 17 (3) S. 86–90