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    Ein Schwangerschaftsabbruch ist nur in Ausnahmefällen und in den ersten drei Monaten nach einem zuvor erfolgten Beratungsgespräch straffrei. © blende11.photo/Adobe.Stock.com

     

Einstellungswandel zur Abtreibung in Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung

fzm, Stuttgart, Januar 2020 – Die Toleranz gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen nimmt seit der Wiedervereinigung in Ost- und Westdeutschland ab. Das zeigt eine Studie, die aktuell in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) erschienen ist.

In der DDR war die staatliche Haltung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen relativ tolerant, geprägt von Bestrebungen zur Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und Säkularisierung. Bis zur zwölften Woche war ein Schwangerschaftsabbruch legal. In der BRD galt hingegen die sogenannte Indikationslösung, die einen Schwangerschaftsabbruch nur unter bestimmten Bedingungen erlaubte. Seit 1995 gilt dasselbe Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch für Ost und West: Ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland ist verboten. Ausnahmen sind eine Gefahr für die Gesundheit der Mutter oder eine Schwangerschaft infolge einer Vergewaltigung. Ansonsten ist ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten nur nach einem Beratungsgespräch straffrei, das mindestens 72 Stunden vor dem Eingriff stattfinden muss. Verschiedene Studien legen nahe, dass die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen Einstellungen beeinflussen und mit Stigmatisierung von Frauen und Ärzten, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, einhergehen kann.

 

Vor diesem Hintergrund hat Diplompsychologe Franz Hanschmidt gemeinsam mit einem Kollegen und zwei weiteren Kolleginnen untersucht, wie sich die Einstellungen der Bevölkerung zu Schwangerschaftsabbrüchen seit der Wiedervereinigung entwickelt haben. Dafür haben die Wissenschaftler Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage (ALLBUS) des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften ausgewertet. Im Rahmen der Umfragen wurden die Teilnehmer gebeten, einzuschätzen, unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch legal sein sollte. Entsprechende Daten lagen für die Jahre 1992, 1996, 2000, 2006 und 2012 vor. Insgesamt haben 14 459 Personen über 18 Jahre – fast gleich viele Frauen und Männer – teilgenommen; fast 10 000 kamen aus dem Westen, fast 5000 aus dem Osten Deutschlands.

 

Im Untersuchungszeitraum stiegen die Vorbehalte gegen einen Schwangerschaftsabbruch: 1992 unterstützten fast 80 Prozent der Ostdeutschen einen unbeschränkten gesetzlichen Zugang, 2012 sind es noch 55 Prozent. In Westdeutschland befürworteten 1992 noch 47 Prozent der Befragten einen uneingeschränkten Zugang, 2012 sind es noch etwa 30 Prozent. Dafür stieg der Anteil an Befragten, die einem Abbruch nur teilweise, das heißt, unter dem Aspekt der Gesundheit von Mutter und Fötus zustimmen: im Osten von 20 auf 40 Prozent und im Westen von 50 auf 60 Prozent. Die Anzahl derer, die einen Abbruch grundsätzlich ablehnen, ist gering, hat sich aber in beiden Landesteilen zwischen 1992 und 2012 verdoppelt. Im Osten von etwa einem auf etwa zwei Prozent, im Westen von fast fünf auf rund zehn Prozent.

 

Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland befürwortet somit eine steigende Anzahl von Menschen strengere gesetzliche Regelungen, wobei die Einstellungen in Ostdeutschland weiterhin weniger restriktiv sind als im Westen. Die Veränderungen in Einstellungen ließen sich nicht ausschließlich durch Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, wie zum Beispiel Religiosität oder Einkommen erklären, so die Leipziger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Verschiedene weitere Einflussfaktoren, wie zum Beispiel kontroverse gesellschaftliche Diskurse zu Schwangerschaftsabbrüchen nach dem ersten Trimester oder der Präimplantationsdiagnostik, werden diskutiert.

 

Die Studienergebnisse zeigen, dass eine steigende Anzahl von Menschen eine gesetzliche Beschränkung des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen befürwortet. Diese Einstellungen stehen im Kontrast zu den Empfehlungen, welche die World Health Organisation (WHO) in ihren Leitlinien formuliert. In Ländern mit restriktiver Gesetzgebung nutzen Frauen häufiger unsichere Methoden, um eine Schwangerschaft abzubrechen, was ihre Gesundheit erheblich gefährden kann. Die WHO betont daher die Wichtigkeit des Zugangs zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen und empfiehlt, entsprechende Hindernisse abzubauen. Laut den Autoren sollten diese Aspekte auch im politischen und öffentlichen Diskurs zum Thema Schwangerschaftsabbruch stärker hervorgehoben werden.

 

F. Hanschmidt et al.:
Der Einstellungswandel zum Schwangerschaftsabbruch in Ost- und Westdeutschland nach der Wiedervereinigung: eine latente Klassenanalyse und die Implikationen für den Zugang zu Abtreibung
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2020; 80 (1); S. 84–94

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