Elektroden im Gehirn – möglicherweise effektiv, aber ethisch problematisch

Stuttgart, Juni 2010 – Kaum eine Behandlungsmethode ruft so schnell negative Gefühle hervor wie die tiefe Hirnstimulation - umgangssprachlich „Hirnschrittmacher“ genannt. Bei Menschen mit „austherapierter“ chronischer Depression wird die tiefe Hirnstimulation derzeit versuchsweise angewendet. Ebenso bei Menschen mit schwersten Zwangserkrankungen oder Tourette-Syndrom. Die Philosophin Marie-Kathrin Schmetz und der Philosoph und Mediziner Thomas Heinemann haben nun das ethische Für und Wider der tiefen Hirnstimulation (THS) in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Fortschritte der Neurologie Psychiatrie“ analysiert (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Trotz vielversprechender erster klinischer Erfolge fällt ihr Fazit kritisch aus: Die THS berge potenziell hohe Risiken, Langzeitstudien fehlten und die Auswirkung auf die Persönlichkeit sei nicht abschätzbar, so die Forscher von der ELSA-Nachwuchsforschergruppe „Molekulare Medizin und medizinische Hirnforschung“ der Universität Bonn.

Bei einer THS werden zwei kleine Löcher in die Schädeldecke gebohrt. Durch diese Löcher werden etwa ein Millimeter große Elektroden ins Großhirn eingeführt – und punktgenau in den Arealen des Großhirns platziert, die durch elektrische Impulse „stimuliert“ werden sollen. Über einen externen Generator ist es möglich, die Voltstärke der Stimulierung auch noch nach der Operation zu verändern – oder auch das Gerät abzuschalten. Manchmal kommt es bereits in den ersten Sekunden nach der Stimulation zu Verhaltensänderungen – so wird in Fachartikeln davon berichtet, dass Menschen, die unter chronischer Antriebsarmut litten, plötzlich wieder Lust verspüren, kegeln zu gehen oder einen Dom zu besteigen. Der genaue Wirkmechanismus der Hirnstimulation ist bislang noch unklar.

Das Verfahren wird neuerdings unter anderem bei schwerst depressiven Patienten erprobt, deren Störung seit langem besteht und bei denen bisher keine andere Therapie wirksam war. Auch bei Patienten mit Zwangserkrankungen oder bei Menschen mit Tourette-Syndrom ziehen Psychiater die THS in Betracht.

Die Erfolgsbilanz ist durchwachsen – auch wenn es bei Depressiven durchaus zu einem Rückgang der Krankheitssymptomatik kommen kann. So zeigte sich bei Patienten mit Zwangserkrankungen, dass sich bei 50 bis 75 Prozent der Betroffenen kein dauerhafter Therapieerfolg mithilfe der tiefen Hirnstimulation einstellte. Und etwa die Hälfte der mit der tiefen Hirnstimulation behandelten schwer depressiven Patienten spricht auf das Verfahren langfristig nicht an.

Doch ist laut Schmetz und Heinemann nicht nur die weitere empirische Prüfung des Verfahrens wichtig. Auch aus ethischer Sicht muss gefragt werden, ob und wie die THS dem psychiatrischen Patienten zugutekommt. So ist nach Ansicht beider Autoren bisher nicht ausreichend geklärt worden, wie sich die Hirnstimulation auf die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen auswirkt. Zudem halten sie es für wichtig, dass zur Förderung der Selbstbestimmung des Patienten die Behandlung mit THS mit anderen Therapieformen kombiniert wird. Insgesamt weisen sie auf den Mangel an Verlaufsstudien hin, die Langzeitfolgen in diesen Bereichen ebenso wie den Erfolg der THS bei der Reduzierung der psychiatrischen Symptome genauer dokumentieren.

Als Ultima Ratio mag die THS gegenwärtig allerdings ethisch zu rechtfertigen sein – schließlich ist die Suizidrate bei schwer depressiven Menschen ohne Aussicht auf Heilung hoch. Hier ist jede Hilfe willkommen. Doch das potenziell hohe Risiko der Operation, die durchwachsenen Erfolgszahlen und mögliche Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Patienten sprechen bislang eher gegen eine weiter verbreitete Anwendung der Hirnstimulation bei dieser Erkrankung.

Marie-Kathrin Schmetz, Thomas Heinemann:
Ethische Aspekte der tiefen Hirnstimulation in der Therapie psychiatrischer Erkrankungen.
Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2010; 78 (5):
S. 269-278.

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