Weggegangen – Platz vergangen? Ärzte erleben Elternzeit als Karriererisiko

fzm, Stuttgart, Februar 2015 – Ärzte und andere Führungskräfte an Unikliniken, die nach einer Elternzeit ihre Karriere fortsetzen wollen, stellen ernüchternd fest, dass ihre Aufstiegschancen gesunken sind, ihre Arbeitsbelastung aber ansteigt. Vor allem Frauen fühlen sich einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) zufolge ausgebremst. Die Folge ist eine hohe Fluktuation im Personal.

Familie und Kinder werden heute von der Gesellschaft positiv bewertet. An der Medizinischen Hochschule Hannover erleben die meisten Frauen und Männer, die sich für eine Elternzeit entscheiden, die Reaktion ihrer Vorgesetzten positiv. Die Rückkehrer aus der Elternzeit, die das Institut für Medizinische Soziologie befragt hat, erinnerten sich überwiegend an „starke positive Emotionen“ ihrer Vorgesetzten, die sie mit vier von fünf möglichen Punkten bewerteten. Dennoch registrierte die Hochschule, dass viele Rückkehrer sich schon bald nach einem anderen Arbeitsplatz umsahen. Die Fluktuation ist doppelt so groß wie bei anderen Beschäftigten, berichtet Dr. Carsten Engelmann.

Mit einem detaillierten Fragebogen suchten die Forscher nach Gründen für die Probleme beim Wiedereinstieg in den Beruf. Die Antworten zeigen, dass die 406 Rückkehrer und ihre 63 Abteilungsleiter die Auswirkungen der Elternzeit auf die beruflichen Fähigkeiten sehr unterschiedlich beurteilten. Die Mitarbeiter empfanden ihren Fachwissensverlust als gering und hielten eine längere Elternzeit für optimal, berichtet Dr. Engelmann. Die Vorgesetzten befürchteten dagegen einen Kompetenzverlust. Sie wünschten sich, dass die Mitarbeiter möglichst rasch zurückkehren. Führungskräfte nahmen diese Signale häufiger auf: Ärzte und Führungskräfte kehrten deutlich früher zu ihrem Arbeitsplatz zurück als andere Beschäftigte.

Nach der Rückkehr sahen sich viele Ärzte in Tätigkeitsfelder gedrängt, in denen sie weniger „Macht“ und „Einfluss“ hatten. Ihre Karriereaussichten beurteilten sie überwiegend negativ. „Frauen waren pessimistischer als Männer, vor allem wenn sie vor der Elternzeit eine Führungsposition inne hatten“, so Dr. Engelmann. Den Wunsch nach Teilzeittätigkeit konnten die Mitarbeiter umso weniger umsetzen, je höher ihre frühere Position war. Vielen wurde erklärt, dass eine Teilzeit-Tätigkeit aufgrund mangelnder Flexibilität und erhöhtem Organisationsaufwand nicht möglich sei.

Viele Mediziner ziehen aus den ungünstigen Arbeitsplatzbedingungen ihre Konsequenzen. Einige gaben in der Umfrage an, auf weitere Kinder und Elternzeiten zu verzichten, andere kehren der Klinik den Rücken: 58 der befragten Ärzte erklärten, dass sie einen Arbeitsplatzwechsel erwägen.

Trotz zunehmend nach außen geäußerter Familienfreundlichkeit ist die Situation für Elternzeitrückkehrer an deutschen Unikliniken noch immer schlechter als beispielsweise in der Schweiz oder in Norwegen, merkt Dr. Engelmann an. In Zürich sei die Fluktuation der Mitarbeiter nur halb so hoch wie in Hannover und in Bergen. An der Uniklinik Bergen seien mehr Männer in Elternzeit als an der Medizinischen Hochschule Hannover in beiden Geschlechtern.

Um zu verhindern, dass eine Elternzeit eine fachliche Deklassierung nach sich zieht, rät Dr. Engelmann zu detaillierten Rückkehrvereinbarungen, in denen eine Fortsetzung der Karriere vereinbart wird. Dies gab es in Hannover nur bei sieben Prozent in schriftlicher und bei 30 Prozent in mündlicher Form. Auch hier sei die Situation in der Schweiz und Norwegen deutlich besser als in Deutschland, berichtet Dr. Engelmann.

C. Engelmann et al.:
Weggegangen – Platz vergangen? Karriereaussichten universitären Gesundheitspersonals nach Rückkehr aus einer Elternzeit: Befragung und Beobachtungsstudie
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; Online erschienen am 16.02.2015
DOI: 10.1055/s-0041-100305