Es geht auch ohne Krabbeln

Stuttgart, Januar 2009 – Wenn Kleinkinder anfangen, mobil zu werden, dann tun sie das auf ganz unterschiedliche Weise: Während manche bereits früh das Krabbeln erlernen, bewegen sich andere Kinder zunächst rollend, robbend oder auf dem Po rutschend vorwärts. Etliche lassen auf diese Art die Krabbelphase ganz aus und gehen von ihrer ungewöhnlichen Fortbewegungsweise direkt zum Laufen über. Früher wurden solche Unterschiede schnell als Ausdruck einer Pathologie verstanden. "Heute sehen Mediziner und Therapeuten es zum Glück als normal an, dass Entwicklungsprozesse variabel verlaufen", sagt die Hildesheimer Physiotherapeutin Alexandra Sinai. Wie man trotz aller Variabilität Entwicklungsverzögerungen erkennen kann, legt sie in der Fachzeitschrift "ergopraxis" dar (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008).

Experten favorisieren heute das sogenannte adaptive-epigenetische Modell der kindlichen motorischen Entwicklung. Das klingt kompliziert, wird aber von Alexandra Sinai anhand einiger leicht verständlicher Eckpunkte erläutert: "Das Modell basiert darauf, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln und Entwicklungsprozesse variabel verlaufen." Dabei werden sowohl Unterschiede zwischen Kindern desselben Alters (interindividuelle Variabilität) als weitgehend normal angesehen, als auch die so genannte intraindividuelle Variabilität – die Beobachtung also, dass ein Kind etwa motorisch bereits sehr weit entwickelt sein kann, obwohl es sprachlich noch nicht sehr versiert ist. "Das Modell sieht außerdem gewisse Entwicklungsrückschritte als durchaus normal an", führt Sinai weiter aus. Ein Kind, das eigentlich schon Laufen kann, darf also ruhig vorübergehend wieder ins Krabbeln oder Rollen verfallen.

Dass Variabilität heute als normal anerkannt wird, macht es für Therapeuten um so schwerer, tatsächliche Entwicklungsverzögerungen zu erkennen und zu beurteilen. Als Hilfe könne hier das Prinzip der Grenzsteine von Richard Michaelis und Gerhard W. Niemann dienen, sagt Alexandra Sinai. Es beruht im Wesentlichen auf Beobachtungen dazu, wann im Verlauf der kindlichen Entwicklung sich bestimmte motorische Fähigkeiten entwickeln. In den jeweiligen Grenzstein für eine bestimmte Altersstufe haben Michaelis und Niemann diejenigen motorischen, kognitiven oder sprachlichen Komponenten aufgenommen, die 90 bis 95 Prozent der gesunden Kinder dieses Alters üblicherweise beherrschen. So sollte ein Kind im Alter von drei Monaten etwa in der Lage sein, den Kopf in Bauchlage sicher anzuheben. Mit neun Monaten sollte es für längere Zeit sicher und gerade sitzen können. Und spätestens am ersten Geburtstag sollte das Kind gut stehen können, darf sich dabei aber noch an Möbeln oder Wänden festhalten.

Der Weg hin zu diesen Markern kann jedoch ganz unterschiedlich verlaufen: "Ob ein Kind zunächst robbt oder krabbelt ist egal", betont Alexandra Sinai. "Entscheidend ist, dass es einzelne Bewegungskomponenten wie Gewichtsverlagerung, Rotation und Stützaktivität beherrscht." Verdacht auf eine Entwicklungsverzögerung besteht erst dann, wenn ein Kind eine der in den Grenzsteinen aufgeführte Fähigkeit nicht erreicht. Dann sollte der Therapeut die Ursache der Verzögerung und ihre Therapiebedürftigkeit weiter abklären. Ein großer Vorteil der Grenzsteine liegt nach Ansicht von Alexandra Sinai in deren einfacher Anwendung. "Mithilfe dieses Modells lässt sich im Arbeitsalltag sehr zügig eine erste Einschätzung der sensomotorischen Entwicklung vornehmen", sagt die Therapeutin. Meist liefere bereits die Befragung der Begleitperson und die Beobachtung des Kindes ausreichende Informationen. Die direkte Mitarbeit des kleinen Patienten, die in dieser Altersgruppe nur schwer zu erreichen ist, sei dagegen nicht erforderlich.

A. Sinai:
Variabilität ist normal - Motorische Entwicklung im ersten Lebensjahr.
ergopraxis 2008; 1 (7/8): S. 20-23

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