Erlebte Pflegegeschichte – Ein Beruf in Bewegung

Schwester Liliane Juchli

Pflege gibt es seit Menschengedenken, und doch ist und bleibt die Pflege ein hochaktueller Beruf. Ein Beruf, der ebenso sehr auf eine bewegte Geschichte zurückschauen kann, wie auch auf eine Zukunft, die stets neu gestaltet werden kann und muss. Menschsein und Pflegen sind Entwicklungsprozesse, in denen sowohl Herausforderungen wie Ressourcen liegen. Wenn wir uns darauf einlassen, bewirken wir Veränderung, nicht nur in der Umwelt, sondern auch bei uns selbst. Darin liegt auch die Chance eines Berufes, der – allen Problemen zum Trotz – ein Leben bereichern und erfüllen kann.

Spurensuche

Ich lade ein zu einer Zeitreise, zurück zu den Anfängen der Pflege wie auch in die Jahre, in denen ich selbst Pflege erlebt und mitbeeinflusst habe. Im Spannungsfeld des „woher und wohin“ können wir die Berufsentwicklung in drei Schritten sehen:

  • Der Ursprung der Pflege als selbstverständlicher Dienst am leidenden Menschen. In zwei Zeitzeugnissen weise ich darauf hin: auf das Frauenleben in der Großfamilie, auf die Bibel. Anschließend folgt ein kurzer Blick auf die Zeit der Beginen.
  • Die Formung: Florence Nightingale und deren Beeinflussung auf die Entwicklung der Pflege in Europa.
  • Die Professionalisierung schließlich als dritter Schritt.
Eigene Erinnerungen

Meinen eigenen Erinnerungen folgend wird sichtbar, wie sehr sich das Gesundheitswesen – und die Pflege – im Verlauf des letzten Jahrhunderts verändert hat. Ich weise hin auf die Entwicklungsschritte in der Medizin, in deren Nachbarschaft sich die Pflege sich stets neu orientieren musste:

  • Die 1950er-Jahre – es ist die Zeit meiner eigenen Ausbildung. Intuitives Handeln bestimmt die Pflege, die weitgehend geprägt ist vom Charisma der jeweiligen Abteilungsschwester.
  • Die 1960er-Jahre – ich bin nun selber Unterrichtende. Pragmatisches Denken und Handeln bestimmen die Ausbildung. Die Pflege steht ganz im „Schlepptau der Medizin“, man arbeitet „nach Schema“, strebt nach Vereinheitlichung der Pflegetechniken.
  • Die 1970er- und 80er-Jahre schließlich stehen ganz im Zeichen einer eigenständigen Berufsentwicklung. Wissenschaftlichkeit und Akademisierung sind zu hochaktuellen Themen geworden. Die Landschaft der Pflege hat sich radikal verändert.

Mein Anliegen auf diesem Weg war immer das Zusammenbringen von Theorie und Praxis, die Sorge dafür, dass nebst der Gewichtung der Wissenschaft die konkrete Praxis – die Qualität der Pflege und die Sorge der Pflegenden für sich selbst – nicht vernachlässigt wird.

Der Blick in die Zukunft

Ich möchte sichtbar machen, dass sich das Wesentliche in der Pflege nicht verändert hat, nämlich das, worum es, damals wie heute, bleibend geht: Das Ja zum höchsten Wert menschlichen Seins, das Ja zur eigenen Würde, wie auch das Ja zur Würde dessen, den wir pflegen. Auch für uns heutige Pflegende gilt, was schon Meister Eckehart im 13. Jahrhundert sagte: „Und plötzlich weißt du, es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“

Zukunft ist Herkunft. Zukunft ist aber auch das, was wir heute bewegen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.
Stuttgart, März 2013


Den gesamten Vortrag finden Sie auf der
DVD „Leiden schafft Pflege. Sr. Liliane Juchli. Ein Leben für die Würde des Menschen“ von Marianne Pletscher, Schlütersche Verlagsanstalt.

  • Der Leuchtturm weist bei ruhiger See den Weg. Droht Gefahr, sendet er ein Hoffnungslicht. Aber wie soll ein Leuchtturm leuchten, wenn die Lampe nicht brennt – was nützt er? Ausgebrannte Pflegende geben keine Wärme mehr.