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    Frisches Obst und Gemüse kann sich in Deutschland nicht jeder leisten. © benjaminnolte/stock.adobe.com

     

Ernährungsarmut bei Kindern spitzt sich in der Pandemie zu

fzm, Stuttgart, Oktober 2021 - In Deutschland leben derzeit etwa 21 Prozent der Kinder in einkommensschwachen Familien, die das notwendige Geld für eine gesunde Ernährung nicht aufbringen können. Damit haben rund 2,8 Millionen der unter 18-Jährigen hierzulande ein hohes Risiko für eine Mangelernährung. Infolge des coronabedingten Lockdowns und der dadurch entfallenen Schul- oder Kitaverpflegung habe sich die Situation weiter verschärft, erklärt der emeritierte Professor für Ernährungsmedizin Hans Konrad Biesalski in der Fachzeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021). Ein Nährstoffdefizit gefährde nicht nur die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder, sondern schwäche auch ihr Immunsystem. Das mache sie anfälliger für Infektionskrankheiten, auch für eine SARS-CoV-2-Infektion.

Vor allem in Familien, die auf Arbeitslosengeld II (ALG II) angewiesen sind, können Kinder nicht ihren Entwicklungsbedürfnissen entsprechend ernährt werden. Das liegt vor allem daran, dass die angesetzten Regelsätze für Nahrungsmittel pro Tag zu niedrig seien. Die Beträge lägen gerade bei jüngeren Kindern deutlich unter dem, was für eine gesunde Ernährung nach Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) aufgewendet werden müsste: Für Kinder unter fünf Jahren sind das mindestens 4,50  Euro (Regelsatz 2,82  Euro) und für die Altersgruppe zwischen sechs und 17 Jahre mindestens 5,50  Euro (Regelsatz 4,01 bis 4,98  Euro). Anfragen verschiedener Abgeordneter an die Bundesregierung, diese Beträge zu erhöhen, blieben bislang ungehört, erläutert Biesalski in seinem Beitrag.

„Die Preise für höherwertige Lebensmittel, wie frisches Obst und Gemüse, sind während der Pandemie deutlich gestiegen. Damit bleibt den betroffenen Familien keine andere Wahl, als auf preisgünstige und qualitativ weniger wertvolle dafür aber kalorienreiche Lebensmittel zurückzugreifen“, berichtet der Ernährungsmediziner. „Entfällt für diese Kinder die vorgesehene Mahlzeit in Schule oder Kita kann das bereits nach wenigen Monaten zu Defiziten wichtiger Vitamine und Minerale und damit zu einem ‚verborgenen Hunger‘ führen. Gleichzeitig führt die kalorienreiche Nahrung oft zu Übergewicht.“

Mikronährstoffe sind Nervennahrung

Für Kinder ist ein Mangel an essenziellen Mikronährstoffen wie Vitamin A und D, Folsäure sowie Eisen, Zink und Jod jedoch besonders prekär, weil sie diese für eine gesunde Entwicklung in besonders hohem Maße benötigen. So manifestiert sich ein Nährstoffmangel in den ersten 1000 Lebenstagen eines Kindes in einem geringeren Längenwachstum und wirkt sich negativ auf die Hirnentwicklung, speziell des Hippocampus, aus. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder aus ärmeren Familien oft kleiner sind und bei ihnen auch sehr viel häufiger Sprachentwicklungsstörungen auftreten“, so Biesalski.

Mikronährstoffdefizit begünstigt Corona-Infektion

„Mikronährstoffe wie Vitamin A, D und C sowie Eisen, Zink und Selen sind zudem wichtig für ein funktionierendes Immunsystem. Eine unzureichende Versorgung begünstigt Infektionen, das gilt auch für SARS-CoV-2“, fasst der Ernährungsmediziner zusammen. Es zeichne sich ab, dass Kinder zwar in den meisten Fällen keine oder nur geringe Symptome haben, aber bei Mangelernährung schwerere Verläufe auftreten könnten. Dies gelte ganz besonders für Kinder, die in Ländern mit geringem Einkommen leben, dürfte aber auch in reichen Ländern eine Rolle spielen, wie Studien aus der USA und Großbritannien zeigen.

„Für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung benötigt jedes Kind eine optimale Versorgung mit Energie und Nährstoffen. Es ist daher dringend geboten, einerseits den Tagessatz für Ernährung für Familien, die Arbeitslosengeld II (ALGII) beziehen, zu erhöhen. Andererseits sollte es Alternative zur Schul- oder Kitamahlzeiten geben, wenn die Einrichtungen geschlossen sind“, bekräftigt Biesalski abschließend.

H. K. Biesalski
Ernährungsarmut bei Kindern – Ursachen, Folgen, COVID-19
Aktuelle Ernährungsmedizin 2021, online erschienen am 16. September 2021

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