Chronisch erschöpft – wenn auch Ruhe keine Erholung bringt

Stuttgart, Januar 2013 – Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom stoßen bei Mitmenschen immer wieder auf Misstrauen und Unverständnis. Die Erkrankung ist jedoch real, betont ein Experte für Psychosomatische Medizin in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2013). Er stellt dort die aktuellen Konzepte und die neuesten Therapieansätze vor. Die beste Wirkung seien laut Studien für eine Verhaltenstherapie und Physiotherapie belegt. Wichtig sei es auch, frühzeitig psychosoziale Faktoren zu betrachten und keine einseitige Suche nach körperlichen Ursachen zu betreiben, rät die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) anlässlich einer aktuellen Leitlinie.

Das chronische Erschöpfungssyndrom unterscheidet sich von der körperlichen Schwäche und Abgeschlagenheit, die alle Menschen nach körperlicher oder geistiger Arbeit kennen. Denn bei den betroffenen Patienten setzt die Erschöpfung schon nach geringster Belastung ein. Auch in Ruhe sind sie zu konzentrierter geistiger Tätigkeit kaum noch in der Lage, einige werden sogar bettlägerig, berichtet Professor Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München.

Kennzeichnend für das chronische Erschöpfungssyndrom ist, dass es nicht lebenslang vorhanden war. Es setzt irgendwann ein, häufig zu einem bestimmten Zeitpunkt, wie bei einem Infekt. Doch anders als nach einer Grippe erholen sich die Patienten nicht wieder. Wenn die Symptome länger als sechs Monate anhalten, ist das Hauptkriterium für ein chronisches Erschöpfungssyndrom erfüllt. Bevor Ärzte die Diagnose stellen, müssen allerdings weitere Beschwerden hinzukommen. Dazu gehören Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Halsschmerzen, druckempfindliche Lymphknoten, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und ein nicht-erholsamer Schlaf. Nur wenn mindestens vier dieser sechs Symptome oder Krankheitszeichen vorliegen, können Ärzte die Diagnose eines chronischen Erschöpfungssyndroms stellen. Das ist relativ selten der Fall. Professor Henningsen schätzt, dass höchstens 0,5 Prozent der Allgemeinbevölkerung an einem chronischen Erschöpfungssyndrom leiden. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Aufgrund des zeitlich umrissenen Beginns sind viele Patienten überzeugt, dass das chronische Erschöpfungssyndrom durch eine Infektion ausgelöst wird oder wie Rheuma eine immunologische Ursache hat. Tatsächlich finden die Ärzte manchmal Hinweise auf eine körperliche Ursache. Dies kann ein Mangel am Stresshormon Kortison sein oder ein Anstieg von entzündlichen Botenstoffen wie Interleukin-6 im Blut. Nach derzeitigem Kenntnisstand sind dies aber eher Folgen der Erkrankung und nicht Ursache der Erschöpfungserkrankung, berichtet Professor Henningsen von der DGPM.

Damit ist die Frage nach der Ursache des chronischen Erschöpfungssyndroms noch offen. Der Psychosomatik-Experte Professor Henningsen vermutet, dass sexuelle, körperliche oder emotionale Traumatisierungen in der frühen Kindheit ein Auslöser sein können. Er bezieht sich dabei auf eine größere Fall-Kontroll-Studie, in der derartige tiefgehende psychische Verletzungen mit einem 6-fach erhöhten Risiko einhergingen, später an einem chronischen Erschöpfungssyndrom zu erkranken.

Auch wenn die Ärzte die Ursache der Erkrankung noch nicht genau kennen, können sie seit kurzem doch zwei Therapien anbieten. Beide haben sich in einer britischen Studie (PACE-Trial) an 641 Patienten als wirksam erwiesen: Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den Psychotherapien. Sie versucht, den Patienten die Angst vor der chronischen Erschöpfung zu nehmen und ihre zunehmende Passivität zu überwinden. Bei der gestuften Aktivierungstherapie („graded excercise therapy2, GET) trainieren Physiotherapeuten mit den Patienten, um sie für den Alltag körperlich wieder fit zu machen.

Unter der aktiven Psycho- und Physiotherapie erreichten etwa 30 Prozent der Patienten Normalwerte, ungefähr doppelt so viele wie unter einer alternativen Therapie oder normalen Betreuung. Auch wenn die Therapieeffekte insgesamt „moderat“ seien, rät Professor Henningsen den Patienten zu einem Behandlungsversuch mit kognitiver Verhaltenstherapie und einer gestuften Aktivierung. Der Experte gesteht aber ein, dass dadurch einem Teil der am chronischen Erschöpfungssyndrom erkrankten Menschen derzeit noch nicht zu voller Funktionsfähigkeit verholfen werden könne.

P. Henningsen, A. Martin:
Das chronische Erschöpfungssyndrom.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013: 138 (1/2): S. 33-38

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