Essstörungen erkennen: eine fachübergreifende Verantwortung

fzm, Stuttgart, März 2016 – Essstörungen sind schwerwiegende, zuweilen sogar lebensbedrohliche Erkrankungen, die von erfahrenen Psychotherapeuten behandelt werden sollten. Der erste Arztkontakt findet aber häufig in anderen medizinischen Fachbereichen statt, etwa beim Hausarzt oder beim Gynäkologen. „Es ist daher wichtig, dass Mediziner aus vielen Bereichen Essstörungen erkennen und die Betroffenen für eine psychotherapeutische Behandlung motivieren können", betonen Expertinnen in der Fachzeitschrift "Lege artis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016). Sie stellen einen Leitfaden vor, der den Blick für Essstörungen schärfen und es Ärzten erleichtern soll, angemessen auf sie zu reagieren.

Dr. Katharina Keifenheim, Weiterbildungsärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Tübingen, sowie drei Kolleginnen aus den Fachbereichen Psychologie und Psychotherapie sind vertraut mit den Anzeichen von Essstörungen. Eines ist das Körpergewicht. Bei der Anorexia nervosa, der Magersucht, liegt das Körpergewicht unter einem BMI (kg/m2)von 17,5, Patientinnen mit einer Ess-Brechsucht, Bulimia nervosa, sind dagegen häufig normal- bis leicht übergewichtig. Betroffene mit einer Binge-Eating-Störung haben häufig starkes Übergewicht, da sie mindestens einmal in der Woche Heißhungerattacken erleben und in kurzer Zeit große Nahrungsmengen aufnehmen. Sie ergreifen jedoch keine regelmäßigen gewichtsregulierenden Gegenmaßnahmen wie extremen Sport, Hungern oder Erbrechen.

„Abgesehen vom Körpergewicht gibt es aber etliche weitere Anzeichen für das Vorliegen einer Essstörung“, sagt Keifenheim. In der gynäkologischen Praxis können Patientinnen etwa durch das Fehlen der Regelblutung auffallen, durch Unfruchtbarkeit oder Schwangerschaftskomplikationen. Ein Orthopäde sollte bei einer früh auftretenden Osteoporose sowie unklaren Skelett- oder Muskelschmerzen hellhörig werden. Patientinnen, die versuchen, ihr Körpergewicht durch regelmäßiges Erbrechen gering zu halten, leiden häufig unter schmerzempfindlichen und kariesanfälligen Zähnen, da der Zahnschmelz durch den häufigen Kontakt mit Magensäure angegriffen wird.

Keifenheim und ihre Kolleginnen weisen darauf hin, dass zur Sicherung der Diagnose eine ausführliche Anamnese immer durch eine körperliche und eine laborchemische Untersuchung ergänzt werden sollte. Außerdem sollten unterschiedliche Differenzialdiagnosen wie Diabetes mellitus, Infektionen oder Tumore ausgeschlossen werden.

Wenn sich der Anfangsverdacht auf das Vorliegen einer Essstörung erhärtet, sollte der Arzt diesen offen aussprechen, raten die Tübinger Expertinnen. Die Erfahrung zeige, dass die Patientinnen oft erleichtert seien, sich nicht mehr verstecken zu müssen. Wichtig sei eine empathische, vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre, die ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen auskomme. Die Patientinnen müssten oft eine große Scham überwinden, seien aber in der Regel sehr dankbar, wenn man über die körperlichen Anzeichen der Essstörung hinaus auch Interesse für tieferliegende Probleme zeige.

Wenn die Diagnose gestellt ist, gilt es, die Patientin für eine psychosomatische oder psychiatrische Weiterbehandlung zu motivieren. „Das ist nicht immer einfach“, weiß Katharina Keifenheim. Denn gerade Anorexie-Patientinnen haben oft nur eine geringe Krankheitseinsicht und empfinden therapeutische Regeln und Maßnahmen als Kontrollverlust. Wenn es medizinisch möglich sei, sollte daher ein Großteil der Verantwortung bei der Patientin belassen werden – damit sie die Therapie als ihre eigene, freiwillige Entscheidung akzeptieren und sich besser auf sie einlassen kann.

K. Keifenheim et al.:
Essstörungen – Von der Anamnese zur Indikationsstellung
Lege artis 2016; 6 (1); S. 37–45