Essstörungen bezwingen - wie einen Berg

Zunächst war es nur ein Bild, das die Therapeuten der Danuvius-Klinik Ingolstadt gerne verwendeten: Eine Bergtour als Symbol für die manchmal recht schwierige und für alle Beteiligten anstrengende Therapie von Essstörungen. Hier wie dort muss man sich die Kräfte einteilen, darf den rechten Weg nicht aus den Augen verlieren, ist stolz und erleichtert, wenn man das Ziel erreicht und den Gipfel erklommen hat. Warum nicht wirklich eine Bergtour wagen? fragten sich die Therapeuten, und so entstand im Jahr 2010 das ökotherapeutische Projekt "Über´n Berg", das seither einmal im Jahr stattfindet. In der Fachzeitschrift ergopraxis (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) berichten Susanna Stich-Bender, die die Tour als Therapeutin begleitete, und Karen Silvester, die bis vor Kurzem den Fachbereich Essstörungen an der Danuvius-Klinik leitete, über die Erfahrungen mit dieser außergewöhnlichen Therapie.

Fünf Frauen und ein Mann sind es, die sich im Sommer 2012 auf eine viertätige Wandertour in den Alpen begeben. Doch was nach Freizeitvergnügen klingt, ist tatsächlich harte therapeutische Arbeit. Denn sämtliche Teilnehmer leiden oder litten unter einer Essstörung und befinden sich kurz vor dem Abschluss der aktuellen Therapie. Die Gruppe wird von der Dramatherapeutin mit Zusatzqualifikation in Ökotherapie Susanna Stich-Bender und einer Bergführerin begleitet. "Während der Tour durchlaufen die Teilnehmer einen therapeutischen Prozess, um auch im übertragenen Sinne über den Berg zu kommen", erläutert Stich-Bender das Konzept. Die enge Verbindung zur Natur könne außerdem Stärken reaktivieren und neues Selbstbewusstsein schaffen.

Zur Planung und Organisation einer solchen Tour gehört es gerade bei Teilnehmern mit Essstörungen auch, die Klienten physisch und mental auf die Anstrengung vorzubereiten. Die Therapeuten und Pädagogen des gemeinnützigen Vereins Danu e.V., der die Trägerschaft des Projekts übernommen hatte, begleiteten die Gruppe im Vorfeld auf Probetouren und leichten Wanderungen, sowie bei einem Besuch im Hochseilgarten. "So konnten wir sehen, wie sich die Gruppe einspielte, welche Themen für sie wichtig waren und welche Dynamik entstand", sagt Susanna Stich-Bender.

Dennoch bleiben Konflikte bei einem intensiven Gruppenerlebnis nicht aus. So paradox dies klingen mag: Auch dies ist ganz im Sinne der Therapie. Denn Patienten mit Essstörungen sind häufig nur wenig konfliktfähig. Anstatt Probleme offen anzusprechen, tragen sie sie "auf dem Teller" aus - durch Nahrungsverweigerung oder übermäßiges Essen. Durch die vielen Gespräche in der Gruppe und die gezielte Moderation der Therapeutin gelang es den Teilnehmern im Verlauf der Wanderung immer besser, Probleme zu verbalisieren und Konflikte auszutragen. Wichtig sei es aber auch, betont Stich-Bender, dass das intensive Beisammensein mit stillen Phasen der Selbstreflexion abwechsle.

So anstrengend die stete Auseinandersetzung mit anderen sein kann - die Gruppe bietet auch Schutz und Geborgenheit. Auch diese Erfahrung nehmen die Teilnehmer von ihrem Abenteuer mit. "Eine solche Tour bietet eine wunderbare Möglichkeit, Ängste zu überwinden, die Konfliktfähigkeit zu schulen und eingeschliffene Verhaltensmuster abzulegen", resümiert Susanna Stich-Bender. Nicht zuletzt aber gehe es bei dieser Therapieform auch darum, wieder Freude empfinden und das Hier und Jetzt genießen zu können.

K. Silvester und S. Stich-Bender: Über´n Berg
ergopraxis 2013; 6 (7/8); S. 18-21