Schwindel erfolgreich behandeln: Experten prüfen neue und bewährte Medikamente

fzm, Stuttgart, November 2015 – Schwindelattacken gehören zu den häufigsten neurologischen Beschwerden. Sie werden heute oft mit Medikamenten behandelt. Einige davon sind seit vielen Jahren im Einsatz sind, ohne dass ihre Wirksamkeit eindeutig belegt ist. Andererseits gibt es Wirkstoffe, die erfolgreich bei anderen Krankheitsbildern eigesetzt werden, und die auch Schwindelpatienten helfen könnten. Mediziner der Neurologischen Klinik und des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums am Universitätsklinikum in München führen derzeit placebo-kontrollierte Studien durch. Erste Ergebnisse stellen sie in der Fachzeitschrift „Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) vor.

Der Morbus Menière, die häufigste Schwindelerkrankung mit begleitendem Hörverlust und Phantomgeräuschen, wird seit Jahrzehnten mit Betahistin behandelt. Dennoch ist laut Dr. Katharina Feil nicht belegt, ob das Arzneimittel die Häufigkeit der Schwindelattacken mindert. Unklar sei auch, wie hoch die Dosis sein und wie lange die Behandlung durchgeführt werden muss. In einer Dosisfindungsstudie wurde Betahistin deshalb mit einem Scheinmedikament verglichen. Diese BEMED-Studie ist laut Dr. Feil abgeschlossen, und die Ergebnisse sind zur Veröffentlichung eingereicht. „Die Erfahrungen zeigen, dass das Mittel in einer höheren Dosis als bisher üblich eingesetzt werden muss, um die Anfälle langfristig zu verhindern“, fasst die Expertin zusammen.

Des Weiteren untersuchen die Wissenschaftler Betahistin bei einer zweiten häufigen Erkrankung, der akuten Vestibulopathie. Es handelt sich hierbei um eine Schwellung des Nerven, der das Gleichgewichtsorgan mit dem Gehirn verbindet. Ursache ist vermutlich eine Viruserkrankung. Die BETAVEST-Studie soll klären, ob Betahistin die Erholung der Nerven beschleunigt.

Auch zur Vestibularisparoxysmie, einer weiteren Erkrankung der Gleichgewichtsnerven mit sehr kurzen Schwindelattacken von wenigen Sekunden Dauer, führen die Experten am Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum derzeit eine Studie durch. Die Patienten werden dort mit Carbamazepin, einem seit längeren bei der Epilepsie eingesetzten Mittel, oder mit Placebo behandelt.

Eine vierte Studie untersucht, ob Vitamin D die Behandlungsergebnisse beim benignen peripheren paroxysmalen Lagerungsschwindel verbessern kann. Ursache ist eine Störung im Gleichgewichtsorgan. Spezielle Lagerungsübungen können das Problem laut Dr. Klein häufig, aber nicht immer beheben.

Darüber hinaus klären die Experten derzeit, ob der Wirkstoff Metoprolol, der seit Längerem zur Vorbeugung von Migräne erfolgreich eingesetzt wird, auch bei Schwindelattacken helfen könnte. Des Weiteren nehmen die Experten 4-Aminopyridin unter die Lupe. Das Mittel, das ursprünglich zur Behandlung der Multiplen Sklerose entwickelt wurde, könnte Patienten helfen, die unter Schwindel infolge von Störungen im Kleinhirn (Cerebellum) leiden. Das Medikament blockiert Kaliumkanäle in den Nervenzellen und normalisiert die Funktion des Kleinhirns. Derzeit laufen Studien zur Anwendung bei der episodischen Ataxie Typ 2 und bei zerebellären Gangstörungen. Als Ataxie bezeichnen Mediziner eine Störung der Bewegungskoordination.

Bei einer weiteren Kleinhirnerkrankung, der zerebellären Ataxie, könnte ein Mittel helfen, das in Frankreich schon lange frei verkäuflich ist. Es besteht aus einer Variante der Aminosäure Leucin. Ob Acetyl-DL-Leucin tatsächlich wirkt, untersuchen die Experten des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums ab Oktober 2015 in einer klinischen Studie.

K. Feil et. al.:
Medikamentöse Therapiemöglichkeiten bei vestibulären Störungen, Nystagmus und zerebellären Ataxien
Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie 2015; 83 (9); S. 490-498