Qualität in der Pflege: Aus Fehlern lernen - aber wie?

fzm, Stuttgart, Oktober 2014 – Ein systematischer Umgang mit Fehlermeldungen zählt mittlerweile zu den gängigen Qualitätsstandards in der stationären Pflege. Wie viele Krankenhäuser oder Pflegeheime über ein solches Fehlermeldesystem verfügen, wie häufig Fehler im Pflegebereich gemeldet werden und welche Hindernisse einer Fehlermeldung entgegenstehen, ist jedoch in Deutschland lange Zeit nicht untersucht worden. Diese Lücke schließen nun Wissenschaftler um Professor Monika Habermann vom Zentrum für Pflegeforschung und Beratung der Hochschule Bremen. Ihre Ergebnisse stellen sie in der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) vor. Wie sie berichten, kann eine systematische Fehlererfassung zwar hilfreich sein, für einen guten und sinnvollen Umgang mit Fehlern sind andere Faktoren aber wichtiger.

Die Bremer Untersuchung ist Teil einer umfangreicheren, von 2007 bis 2010 durchgeführten Studie. In ihre Auswertung konnten die Bremer Wissenschaftler insgesamt 1100 Fragebögen von ausgebildeten Pflegekräften aus 46 Pflegeheimen und 30 Krankenhäusern einbeziehen. Darin machten die Mitarbeiter anonym Angaben zum Umgang mit eigenen und fremden Fehlern in ihrer Einrichtung.

„Interessant war zunächst, dass die Mehrzahl der Krankenhäuser und Pflegeheime, von denen wir Rückmeldungen bekamen, noch kein Fehlermeldesystem eingerichtet hatten“, berichtet Monika Habermann. Doch wurden auch ohne System nicht sehr viel weniger Fehler gemeldet als mit: Über alle Teilnehmer gemittelt hatten die Pflegenden, denen ein Meldesystem zur Verfügung stand, in den zurückliegenden sechs Monaten 2,1 Fehler gemeldet, ohne Meldesystem waren es 1,9 Fehler. Ein deutlicherer Unterschied zeigte sich nur bei der separaten Analyse der Krankenhäuser. Dort lag die Zahl der gemeldeten Fehler mit Meldesystem bei 1,8, ohne dagegen nur bei 1,4.

Laut den Schätzungen der Pflegenden wird in Pflegeheimen - unabhängig vom Vorhandensein eines Meldesystems - nur rund jeder vierte Fehler gemeldet, in den Krankenhäusern sogar nur knapp jeder fünfte. Warum die Zahl gemeldeter Fehler im Krankenhaus insgesamt niedriger liegt als in den Pflegeheimen, kann zum Teil mit mangelnder Transparenz erklärt werden: „In den Krankenhäusern gaben deutlich mehr Pflegende an, nicht zu wissen, welche Fehler sie melden sollen und wie oder bei wem die Meldung erfolgen sollte“, erläutert Habermann. Ein anderer Grund, Fehler zu verschweigen war, die Furcht vor disziplinarischen Maßnahmen. Mit etwas über 20 Prozent war diese in Pflegeheimen und Krankenhäusern ähnlich weit verbreitet. Knapp 20 Prozent äußerten die Befürchtung, bei der Meldung einer Kollegenfehlers könne man selbst oder die Person, der der Fehler unterlaufen sei, Ansehen verlieren.

Entscheidend für einen sinnvollen Umgang mit Fehlern ist aus Habermanns Sicht weniger, ob Fehler in einem System erfasst werden oder nicht. „Ein Vorteil dieser Systeme ist die standardisierte und oft anonyme Erfassung, ein Nachteil ist dagegen der - scheinbar oder tatsächlich - größere Aufwand, der die Meldenden abschreckt“, sagt die Bremer Professorin. Um zu Fehlermeldungen zu ermutigen müssten Gegenstand und Vorgang der Fehlermeldung transparent sein. Außerdem sei es wichtig, eine offene Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die keine Angst vor einer Bloßstellung oder vor Ansehensverlust aufkommen lasse.

H. Cramer et al.:
Fehlermeldungen aus Sicht stationär Pflegender: Ergebnisse einer Befragung in Pflegeheimen und Krankenhäusern
Das Gesundheitswesen 2014; 76 (8/9); S.486-493