Schuldgefühle und Selbstzweifel nach Fehlgeburt

Stuttgart, März 2009 – Jede zehnte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Für die betroffenen Frauen ist dieses Erlebnis äußerst belastend. In einer Langzeitstudie hat die Psychologin Dr. Annekathrin Bergner mit Kollegen von der Berliner Charité nun untersucht, wie Frauen auf eine Fehlgeburt reagieren und worin sie die Gründe einer "missglückten" Schwangerschaft sehen. Die Ergebnisse dieser in der neusten Ausgabe der Fachzeitschrift "PPmP - Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) veröffentlichten Untersuchung zeigen: Frauen mit Fehlgeburten in den ersten Schwangerschaftswochen fühlen sich häufig schuldig. Sie entwickeln nach der Fehlgeburt zunächst depressive Krankheitssymptome, die sich aber mit der Zeit wieder zurückbilden. Ein Jahr nach dem Schwangerschaftsverlust weist noch etwa jede fünfte Frau klinisch relevante Anzeichen einer Depression auf.

Während ein Teil der Frauen kurz nach dem Verlustereignis unter Angst und Depression leidet, gelingt es einem andern Teil erstaunlich gut, das Krisenerlebnis psychisch zu verarbeiten. Ein einheitliches, bei allen Frauen gleichermaßen beobachtbares Reaktionsmuster gibt es folglich nicht.

"Unsere Befunde belegen", schreibt Bergner, "dass eine Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft ein belastendes Ereignis darstellen kann, auf das die betroffenen Frauen mit Störungen des psychischen Gleichgewichts reagieren." Nach Ansicht von Bergner wird ein weniger als 14 Wochen altes Kind noch nicht als eigenständige Person wahrgenommen, sondern als "Teil des eigenen Selbst".

Eine Fehlgeburt werde deshalb zwar als persönliches Scheitern erlebt, doch lang anhaltende Trauerreaktionen – wie sie etwa nach dem Tod eines geliebten Menschen beobachtbar seien – ließen sich eher selten feststellen. Chronische oder pathologische Trauer bleibe fast vollständig aus. Dafür stünden Selbstwertprobleme, Schuldgefühle sowie der Neid auf andere Mütter im Vordergrund, so Bergner.

An der zwei Jahre währenden Studie nahmen 232 Frauen teil, deren letzte Fehlgeburt zu Beginn der Erhebung maximal 14 Wochen zurücklag. Die Frauen waren im Schnitt 31 Jahre alt und zum zweiten Mal schwanger. Laut Bergner ließen sich drei Verarbeitungstypen ermitteln: Depressive, ängstlich-trauernde und aktive Frauen. Depressive Frauen ziehen sich von ihrer Umwelt zurück, so Bergner. Sie versuchten, den Verlust zu bagatellisieren oder zu leugnen. Ängstlich trauernde Frauen verfielen häufig in Grübeleien und beschäftigten sich intensiv mit dem Verlusterlebnis – anders als depressive Frauen. Aktiv bewältigende Frauen sprächen sich selbst Mut zu, suchten nach Selbstbestätigung und Genuss in anderen Lebensbereichen und fühlten sich wenig schuldig. Sie glauben, dass der Fötus ohnehin nicht überlebensfähig gewesen wäre und sehen in der Fehlgeburt einen "natürlichen Regulationsprozess".

Der Umgang mit einem Schwangerschaftsverlust lässt sich nicht aus dem Alter oder der Zahl der Kinder einer Frau vorhersagen. Anders als in der Wissenschaft bisher angenommen wurde, gelingt es Frauen, die bereits ein Kind haben, keineswegs besser, eine Fehlgeburt zu verkraften als Kinderlosen. "Diese Ergebnisse", so Bergner, "weichen von bisherigen Befunden deutlich ab, die gerade das Vorhandensein von Kindern als förderlich für die Verarbeitung eines Schwangerschaftsverlustes beschreiben." Ob eine Fehlgeburt gut verkraftet wird oder nicht, hängt nach den Erkenntnissen von Bergner vor allem von einem Faktor ab: Nämlich von der Qualität der Paarbeziehung.

A. Bergner et al.:
Trauer, Bewältigung und subjektive Ursachenzuschreibungen nach Frühaborten: Adaptivität von Verarbeitungsmustern untersucht in einer Längsschnittstudie.
PPmP - Psychotherapie Psychosomatik und Medizinische Psychologie 2009; 59 (2):
S. 57-67

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