Intensivstation: Erreger-Monitoring könnte Antibiotika einsparen

Stuttgart, Februar 2010 - Viele Infektionskrankheiten könnten auf Intensivstationen zielgerichteter behandelt werden, wenn beatmete Patienten regelmäßig auf Krankheitskeime untersucht würden. Ein Experte für Krankenhaushygiene fordert in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) deshalb ein "mikrobiologisches Monitoring".

Die Hälfte aller Antibiotika auf Intensivstationen setzen Ärzte zur Behandlung von Lungenentzündungen ein, und meistens sind es beatmete Patienten, die sie benötigen, erklärt Professor Harald Seifert, Stellvertretender Leiter am Institut für Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität zu Köln. Die "Ventilator-assoziierte Pneumonie", wie die Lungenentzündung bei beatmeten Patienten genannt wird, erfordert den sofortigen Einsatz von Antibiotika. Jede Verzögerung erhöht das Sterberisiko und deshalb erfolgt eine "kalkulierte" oder "empirische" Antibiotikatherapie. Mit anderen Worten: Die Ärzte wissen nicht, ob sie das richtige Antibiotikum ausgewählt haben, bis die Ergebnisse aus dem Labor vorliegen. Deshalb setzen sie sogenannte Breitbandantibiotika ein, die möglichst viele Erreger erfassen. Diese Medikamente haben häufig Nebenwirkungen, sie sind teuer und sie tragen zur Verbreitung von Antibiotika-resistenten Keimen bei, wendet Professor Seifert ein.

Ein "mikrobiologisches Monitoring" beatmeter Patienten könnte Ärzten helfen, von Anfang an die richtige Wahl zu treffen. Dazu müssten die Atemsekrete der Patienten regelmäßig auf Krankheitskeime untersucht werden. Im Fall einer Erkrankung könnte der Arzt dann zielgerichtet ein gut verträgliches und kostengünstiges Antibiotikum auswählen. Nicht alle hierzu durchgeführten Studien haben jedoch einen Vorteil gegenüber den hochwirksamen Breitbandantibiotika belegt. Keine der führenden internationalen Fachgesellschaften empfiehlt daher derzeit das Monitoring. Professor Seifert kritisiert einige Studien: Die Überwachungsintervalle waren zu lang und häufig wurden nicht alle Untersuchungen fachgerecht durchgeführt. Sinnvoll sei ein Monitoring nur, wenn die Untersuchungen zwei- bis dreimal in der Woche durchgeführt würden, schreibt der Experte. Und es sollte auf Patienten mit einem besonders hohen Risiko für eine Lungenentzündung beschränkt werden. Dies ist allerdings bei vielen Patienten der Fall. Zwischen acht und 28 Prozent aller beatmeten Intensivpatienten erkranken auf Intensivstation an einer Lungenentzündung. Der Experte erwartet, dass das Monitoring die Liegezeiten der Patienten verkürzt und die Sterblichkeit senkt. Da dies aber bisher in Studien nicht ausreichend untersucht sei, könne derzeit noch keine definitive Empfehlung gegeben werden.

I. Joost, C. Lange, H. Seifert:
Mikrobiologisches Monitoring bei Ventilator-assoziierten Pneumonien auf Intensivstationen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (5): S. 197-202

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