Expertenrat sieht Forschungsbedarf bei Gesundheitsfachberufen

Stuttgart, August 2012 – Immer mehr Fachhochschulen, aber auch einige Universitäten bieten Studiengänge für Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und das Hebammenwesen an. Der Gesundheitsforschungsrat begrüßt diese Entwicklung. Neben der Lehre müsste im Bereich der Gesundheitsfachberufe aber auch die Forschung verstärkt werden, heißt es in einem Arbeitspapier des Gremiums, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung berät. Die Empfehlungen sind jetzt in einem Sonderband der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) veröffentlicht.

Mitte Juli 2011 gab es an deutschen Fachhochschulen 55 Studiengänge für Gesundheitsfachberufe mit dem Abschluss Bachelor. Ein Master war nur in sieben Fachbereichen möglich. Bei den Universitäten war das Verhältnis mit 12 zu 14 umgekehrt. Nachwuchswissenschaftler müssen deshalb häufig die Hochschule wechseln, um ihre Karriere fortzusetzen. Wer anschließend wissenschaftlich tätig sein will, findet in Deutschland derzeit nur wenige Möglichkeiten, beklagt das Team um Prof. Dr. Michael Ewers, der an der Berliner Charité das Institut für Medizin-, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft leitet. Promotionen sind nur an wenigen Universitäten möglich. Auch die in anderen Bereichen üblichen Stellen für Post-Doc-Wissenschaftler und Möglichkeiten zur Habilitation fehlen weitgehend. Lehrstühle existieren kaum, in der Hebammenwissenschaft gibt es in ganz Deutschland keinen einzigen.

Dabei besteht aus Sicht des Gesundheitsforschungsrates in allen fünf Fachbereichen ein Forschungsbedarf. In der Pflegewissenschaft gelte es, die Betreuung von alten Menschen und chronisch Kranken zu verbessern. Kaum erforscht seien auch die Möglichkeiten, wie Menschen in vulnerablen Lebensverhältnissen am besten unterstützt werden können. Die Hebammenwissenschaft sollte nicht nur nach Wegen suchen, die Geburtsbetreuung zu optimieren. Hebammen könnten auch durch die Beratung von Schwangeren und Wöchnerinnen Fehlentwicklungen in der Gesundheit von Mutter und Kind vorbeugen. Auch hier müssen die einzelnen Projekte aus Sicht des Gesundheitsforschungsrates wissenschaftlich begleitet werden.

Dies gelte auch für die Tätigkeit von Physio- und Ergotherapeuten, denen eine immer größere Rolle bei der Prävention von chronischen Erkrankungen zukommt - häufig ohne wissenschaftlichen Beweis der Effektivität. In der Logopädie sieht Professor Ewers ebenfalls Forschungsbedarf. Bislang würden die meisten wissenschaftlichen Forschungen in den Gesundheitsfachberufen im Ausland durchgeführt, beklagt der Expertenrat. In Deutschland gebe es Nachholbedarf. Es gehe um die „Angleichung an internationale Standards, die in den meisten Industrieländern gelten, in denen schon eine weit fortgeschrittene Etablierung der Gesundheitsfachberufe als wissenschaftliche Fächer besteht“, heißt es in der Empfehlung, die der Gesundheitsforschungsrat nach einer Sitzung im 8. Dezember 2011 erarbeitet und jetzt im Fachblatt DMW veröffentlicht hat.

Der Gesundheitsforschungsrat fordert die Träger der Fachhochschulen auf, Mindestvoraussetzungen für eine essenzielle Beteiligung an der Forschung auf den Weg zu bringen. An die Universitäten geht der Appell, mehr Masterstudiengänge anzubieten und Promotionsmöglichkeiten zu schaffen. Die Forschungsförderer sollten ein besonderes Augenmerk auf die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses legen. Gefordert sind hier neben dem Bundesministerium und den Fachgesellschaften oder Berufsverbänden, die bereits aktiv sind, auch die Sozialversicherungsträger, die von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung profitieren.

M. Ewers et al.:
Forschung in den Gesundheitsfachberufen. Potenziale für eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung in Deutschland.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012: 137 (Supplement 2): S1-S74

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