• Gebrochenes Herz © Jens van Zoest, TRIAS Verlag

    Wir alle kennen diesen Ausdruck: Es bricht mir das Herz!

     

Frauenherzen leiden anders und können brechen

Dr. med. Mohsen Radjai, Facharzt für Innere-, Allgemein- und Sportmedizin, Chirotherapie und klassische Akupunktur

Herzinfarkte sind in den Industriestaaten bei Weitem keine Männerangelegenheit mehr. Herzerkrankungen führen auch bei Frauen die Liste der häufigsten Todesursachen an. Statistisch betrachtet sterben in Deutschland häufiger Frauen an Herzerkrankungen als Männer. Im Jahr 2013 waren es nahezu 150 000 Frauen und 117 000 Männer. Während die Sterberate bei Männern seit Jahren zurückgeht, ist sie bei Frauen unverändert hoch. Ein Grund dafür ist, dass der Infarkt bei Männern meist schneller erkannt und behandelt wird. Ein weiterer Grund ist das geänderte Risikoverhalten: Männer verzichten inzwischen immer mehr auf Zigaretten, Frauen dagegen rauchen heute mehr als früher. Hinzu kommen weitere Risikofaktoren wie die Antibabypille, Bluthochdruck und Übergewicht.

Der weibliche Herzinfarkt

Physiologisch betrachtet schlagen Frauenherzen nicht anders als Männerherzen. Durch das weibliche Sexualhormon Östrogen sind Frauen allerdings bis zu den Wechseljahren vor der gefährlichen Gefäßverengung, der Arteriosklerose, relativ geschützt. Der weibliche Herzinfarkt tritt daher durchschnittlich zehn Jahre später auf als der Infarkt bei Männern. Die Symptome fallen dann oft anders aus, denn Frauenherzen zeigen andere Reaktionen auf entsprechende Belastungen. Die Patientinnen berichten von eher diffusen Beschwerden wie Übelkeit, Magenbeschwerden, Nackenschmerzen, Kurzatmigkeit und Schwäche. Anstelle von Schmerzen im Brustkorb wird häufiger ein Druck- oder Engegefühl beschrieben. Warum die Beschwerden so unterschiedlich und diffus sind, ist noch nicht geklärt.

Hier besteht natürlich die Gefahr, dass Arzt und Patientin die Symptome falsch deuten. Bei Frauen sind häufiger kleinere Herzgefäße von der Durchblutungsstörung betroffen, was die Symptome weniger dramatisch erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass die typischen Infarktzeichen im EKG und die Laborwerte bei Frauen oft viel weniger ausgeprägt sind als bei Männern. Es kann passieren, dass der Arzt eine falsche Diagnose stellt oder die Patientin überhaupt erst spät medizinischen Rat sucht. In der Folge kann ein weiblicher Herzinfarkt im Akutstadium schlimmstenfalls unentdeckt bleiben.

Im Fall eines weiblichen Herzinfarkts beginnt die klinische Behandlung durchschnittlich 50 Minuten später als bei männlichen Patienten. Statt einer sofortigen Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes mit dem Herzkatheter bekommen Frauen unter Umständen zunächst Spritzen gegen Übelkeit, Tabletten oder ein Asthmaspray gegen die Luftnot. Hier geht wertvolle Zeit verloren, denn umso länger die Herzmuskulatur nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt wird, desto größer sind die Gewebeschäden und das Herz kann nicht mehr richtig arbeiten. Es gilt: Time is muscle. Zeit ist Herzmuskel. Unabhängig vom Geschlecht besteht innerhalb der ersten 48 Stunden nach akutem Herzinfarkt das höchste Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen. Das bedeutet anhaltendes schnelles Herzrasen (ventrikuläre Tachykardie), das in Kammerflimmern (funktionellen Herzstillstand) übergehen kann. Bleibt dieser Zustand unbehandelt, bedeutet dies den Tod durch Herzversagen.

Gebrochene Herzen

Wir alle kennen diesen Ausdruck: Es bricht mir das Herz! Gezeichnet von tiefer Trauer empfinden wir dabei zum Teil regelrecht Schmerzen am Herzen. Der Verdacht auf einen Herzinfarkt liegt nahe, lässt sich bei der Untersuchung mit dem Herzkatheter aber nicht bestätigen. Die Herzkranzgefäße sind nicht verengt oder verstopft und müssen nicht mit einem Ballonkatheter erweitert oder einem Stent gestützt werden. In diesem Fall könnte sich auch ein Broken-Heart-Syndrom dahinter verbergen: eine durch emotionalen oder physischen Stress hervorgerufene Herzattacke. In der Akutphase ist der Scheininfarkt genauso dramatisch wie ein echter. Die Pumpleistung ist reduziert und gefährliche Herzrhythmusstörungen können als Komplikation auftreten. Tatsächlich versterben zwei Prozent der Patientinnen. Der emotionale Stress führt zu einer akuten Bewegungsstörung der linken Herzkammer. In der Diagnostik ist die Form der linken Herzkammer verändert, was dieser Herzerkrankung den Namen gab: Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Tako-Tsubo ist Japanisch und bedeutet Tintenfischfalle. Dabei handelt es sich um ein rundliches, bauchiges Tongefäß mit kurzem Hals, das aufgrund seiner Form der erkrankten linken Herzkammer sehr ähnlich sieht. Auf einem entsprechenden Röntgenbild des erkrankten Herzens sieht es so aus, als ob sich im oberen Bereich des Herzmuskels ein einschnürender breiter Gürtel ums Herz gelegt hätte.

Frauen im Alter zwischen 65 und 75 Jahren sind am häufigsten betroffen. Ein Zusammenhang zu den abgelaufenen Wechseljahren liegt nahe, ist aber nicht bewiesen. Der emotionale Stress geht mit der Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol einher, was wohl direkt schädigend auf die Herzmuskelzellen wirkt und die akute Herzschwäche auslöst. Die Therapie beschränkt sich auf die Linderung der Symptome und die Überwachung auf der Intensivstation. Die Akutphase dauert circa eine Woche an. Ist diese überstanden, gilt die Prognose in der Regel als gut und die Herzfunktion normalisiert sich.

Dr. med. Mohsen Radjai
Es gilt das gesprochene Wort.
Hamburg, Oktober 2015

 

  • Während die Sterberate bei Männern seit Jahren zurückgeht, ist sie bei Frauen unverändert hoch. Ein Grund dafür ist, dass der Infarkt bei Männern meist schneller erkannt und behandelt wird.

Buchtipp

Call to Action Icon
Downloads Pressemappe, Cover, Portraits