Klimatherapie: Was Gebirgsluft und Meeresklima leisten

fzm - Wind, Sonne, staubfreie Luft und im Hochgebirge auch der niedrige Sauerstoffgehalt sind die Komponenten einer Klimatherapie. Ihre Wirkung ist bei vielen Krankheiten mittlerweile auch wissenschaftlich belegt, wie eine Übersicht in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) zeigt.

Es gibt viele plausible Gründe, die für eine Klimatherapie sprechen: Kühle Luft und Wind „härten“ das Immunsystems ab, die Sonnenstrahlen bilden Vitamin D in der Haut und der geringe Schadstoffgehalt schont die Atemwege, erläutert Professor Angela Schuh von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Beim Aufenthalt im Hochgebirge kommt das Fehlen von Hausstaubmilben hinzu, einem häufigen Auslöser von Allergie und Neurodermitis. Professor Schuh: Milben sind ab 1600 Meter nicht lebensfähig, auch in Höhen von 850 Metern ist die Konzentration wesentlich vermindert. Der niedrige Sauerstoffgehalt im Hochgebirge zwingt den Körper zu einer Anpassung, die ähnlich wie ein Ausdauertraining wirkt. Am Meer haben die hohe Luftfeuchtigkeit und der Salzgehalt der Luft eine zusätzliche schleimlösende Wirkung auf die Atemwege.

Ob diese Effekte aber ausreichen, um Krankheiten zu lindern, ist eine andere Frage, die in klinischen Studien untersucht werden muss. Professor Schuh und ihr Kollege Professor Dennis Nowak haben hierzu die medizinische Literatur der letzten 15 Jahre durchsucht und sind dabei auf Studien gestoßen, die viele, aber nicht alle Behauptungen belegen. Wissenschaftlich bewiesen ist danach, dass die Hochgebirgsklimatherapie sogenannte atopische Krankheiten bessern kann. Dazu zählen überschießende Abwehrreaktionen des Körpers auf Umwelteinflüsse wie beispielsweise Neurodermitis, Heuschnupfen und das allergische Asthma. Die Mehrzahl der Patienten wird nach einem mehrwöchigen Aufenthalt im Hochgebirge erscheinungsfrei, bei Erwachsenen verschaffen auch Mittelgebirgshöhen eine Linderung. Professor Schuh: Der Klimastress fördert die körpereigene Bildung von Kortison. Die Wirkung hält oft nach der Rückkehr an. In einer Studie verzeichneten zwei Drittel der Patienten noch nach zwölf Monaten eine deutliche Verbesserung, berichten Schuh und Nowak. Auch Menschen mit nicht-allergischem Asthma bekommt die schadstoffarme Hochgebirgsluft. Umstritten sei allerdings, ob die hohe Ozonkonzentration im Hochgebirge ein Nachteil ist.

Die intensivere UV-Strahlung fördert bei Menschen mit Psoriasis die Abheilung der Schuppenflechte, bei älteren Menschen mit Osteoporose wurde ein Anstieg des Knochenvitamins D3 gemessen. Menschen mit Bluthochdruck profitieren von den Kältereizen und dem leichten Sauerstoffmangel.

Zur Wirkung der Klima- und Badetherapie an Nord- und Ostsee haben die Autoren nur wenige aktuelle Studien gefunden. Diese zeigen jedoch, dass das Reizklima bei Kindern und Erwachsenen eine Neurodermitis bessert. Die Meeresluft steigere auch die Bildung von Antikörpern und körpereigenem Kortison. Die positive Wirkung der Mittelmeer- und Atlantikluft ist vor allem durch Studien aus Skandinavien belegt, von wo aus viele Patienten mit Neurodermitis und Psoriasis anreisen.

Besonders günstige Bedingungen herrschen am Toten Meer: Die intensive UV-Strahlung und das Meerwasser mit seinem extrem hohen Salzgehalt verschaffen vor allem Patienten mit Neurodermitis und Psoriasis eine rasche und nachhaltige Linderung. Professor Schuh: Bei fast allen Patienten bessert sich der Hautzustand, was bei Neurodermitikern über mehrere Monate, bei Psoriatikern sogar über ein Jahr anhalten kann.

A. Schuh, D. Nowak:
Klimatherapie im Hochgebirge und im Meeresklima Evidente Akut- und Langzeiteffekte – ein qualitativer Review
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (4):
S. 135-139

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