ADHS und kein Ende?

fzm - Die Aufmerksamkeitsdefizitstörungen ADS und ADHS gelten hauptsächlich als Erkrankungen des Kindesalters. Warum dies zu kurz greift, erläutert die Soziologin und Ergotherapeutin Tina Pruschmann in der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011). „Bei rund zwei Drittel aller Betroffenen bestehen einige oder alle Symptome bis ins Erwachsenenalter hinein fort“, so Pruschmann in ihrem Beitrag.

Oft fehlt es den Betroffenen an der nötigen Strukturierung ihres Alltags. Rechnungen überweisen, Termine einhalten, den Haushalt organisieren – Dinge wie diese stellen erwachsene ADHS-Betroffene häufig vor Probleme. Aufgaben werden nicht zu Ende geführt, sondern vorzeitig abgebrochen. Stattdessen beginnen die Betroffenen mit etwas Neuem. Dass diese Sprunghaftigkeit zu Misserfolgen im Beruf, im Alltag und auch in Beziehungen führen kann, ist nicht verwunderlich. Belastend für die Betroffenen wie für ihre Mitmenschen ist auch die Neigung zu Reizbarkeit, Impulsivität und emotionalen Überreaktionen, die sich bei erwachsenen ADHS-Patienten häufig findet.

Epidemiologischen Studien zufolge sind zwischen zwei und fünf Prozent der Erwachsenen von einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung betroffen. Angesichts dieser Zahlen drängt sich die Frage nach einer effektiven Behandlung auf. „Am meisten Erfolg scheint eine Kombination aus medikamentöser Behandlung und Psychotherapie zu versprechen“, sagt Tina Pruschmann und verweist auf die deutschen und europäischen Leitlinien zur Behandlung erwachsener ADHS-Patienten. Für Erwachsene gilt – ebenso wie für Kinder – der Wirkstoff Methylphenidat als Mittel der Wahl. Eine Zulassung durch die Krankenkassen steht allerdings noch aus. Im Rahmen der Psychotherapie stellt die kognitive Verhaltenstherapie einen wichtigen Baustein dar: In der Gruppe arbeiten Patienten und Therapeut daran, Handlungskompetenzen aufzubauen, sie setzen konkrete, überprüfbare Ziele und üben, wie sie diese auch erreichen können.

Struktur in den Alltag zu bringen und gegen Defizite in der Alltagsbewältigung anzugehen – dabei kann auch die Ergotherapie wertvolle Hilfe leisten. Gemeinsam wird während der Therapie erarbeitet, wo die größten Probleme bestehen, welche alten Gewohnheiten durchbrochen werden müssen und welche neuen Routinen an ihre Stelle treten sollten. „Checklisten, Wochenpläne und To-Do-Listen helfen dem Patienten dabei, die im Therapieraum aufgestellten Strategien in den Alltag zu transferieren“, so die Autorin Tina Pruschmann. Damit mehr AHDS-Patienten von einer professionellen Unterstützung profitieren können, wünschen sich Betroffene wie Therapeuten jedoch zunächst einmal eine größere Sensibilität für das Krankheitsbild ADHS bei Erwachsenen. Denn allzu oft machen auch heute noch viele Betroffene die Erfahrung, dass mit Beginn der Volljährigkeit die Therapie beendet ist, die Störung jedoch weiter besteht.

T. Pruschmann:
Von Hitzköpfen und Rasern.
ergopraxis 2011; 4 (1): S. 20-23

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