Nach Bandscheiben-OP: Keine Angst vor der Bewegung

Stuttgart, November 2011 – Nicht drehen, nicht sitzen, nicht beugen – wer sich einer Bandscheiben–Operation unterziehen musste, wird auch heute noch oft mit Verboten überhäuft. Solche pauschalen Verbote seien jedoch wissenschaftlich nicht mehr haltbar, sagen Frank Diemer und Volker Sutor. In einem Interview, das in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) veröffentlicht wurde, warnen die beiden Physiotherapeuten vor übergroßer Vorsicht im Umgang mit Bandscheiben-Patienten.

Anstatt die Patienten zu weitgehender Immobilität zu verdammen, setzen Sutor und Diemer auf eine möglichst zügige Mobilisierung der Wirbelsäule. „Das Problem ist heute eher die zu geringe Aktivität der Patienten“, betonen die beiden Therapeuten, die auch Fortbildungen für orthopädische Medizin und manuelle Therapie geben. Bewegungseinschränkungen seien in der Regel nicht notwendig, sagen sie und verweisen auf eine Studie aus dem Jahr 2004, nach der es Bandscheiben-Patienten, die sich viel bewegen, tendenziell sogar besser geht.

Dass die Bewegungsverbote sich so hartnäckig halten, hat nach Ansicht von Diemer und Sutor vor allem historische Ursachen. Das Flexions(Beuge-)Verbot geht demnach auf eine biomechanische Studie aus den Sechzigerjahren zurück, die zeigte, dass die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule einem hohen Druck ausgesetzt sind, wenn der Proband sich im Stand vorbeugt. „Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dieser hohe Druck auch problematisch ist“, erläutert Volker Sutor. Diesen Schluss habe noch nicht einmal der Studienautor selbst gezogen – er sei später in die Studie hineininterpretiert worden.

Auch die Ergebnisse von Modellstudien sehen Volker Sutor und Frank Diemer eher skeptisch. Denn bei Wirbelsäulenmodellen, die naturgemäß nur die blanke Mechanik berücksichtigen können, nicht aber die stabilisierende Muskulatur und andere Stützelemente, könne nahezu jede Bewegung zu einem Bandscheibenschaden führen. Wie hoch die Bandscheibenbelastung in der Realität aber tatsächlich ist, lasse sich anhand dieser Messungen nicht sagen.

Diemer und Sutor setzen bei der Behandlung ihrer Patienten auf eine möglichst frühe, immer dem Zustand des Patienten angepasste Mobilisierung – wenn es geht, schon zwei Tage nach der Operation. Dabei beginnen sie beispielweise mit Übungen in der Seitenlage. Dann gehen sie vom Sitz in den Stand über und schließlich zur Mobilisation mit Zusatzgewichten. Das Motto für ihr Nachbehandlungskonzept könnte man etwas provokativ mit „Vollbelastung schmerzabhängig erlaubt“ angeben.

Während der Nachbehandlung setzen sich die Therapeuten regelmäßig mit den zuständigen Ärzten in Kontakt – etwa um die Schmerzmedikation vorübergehend abzusetzen. „Wir können nur dann schmerzabhängig therapieren, wenn wir wissen, wann und wie stark der Schmerz kommt“, erläutert Frank Diemer. Außerdem haben sie die Erfahrung gemacht, dass unnötige Bewegungsverbote recht schnell fallen, wenn man mit den Ärzten spricht.

Entscheidend für die Akzeptanz und den Erfolg der frühen Mobilisation ist auch das offene Gespräch mit dem Patienten. „Der Patient muss wissen, was gemacht wurde, und dass er in der Regel eine gute Prognose hat“, betont Volker Sutor. Das helfe dabei, Ängste abzubauen und die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit zu erhöhen.

Interview mit Frank Diemer und Volker Sutor:
Therapie nach lumbaler Bandscheiben-OP: Verstaubte Ansichten.
physiopraxis 2011; 9 (9): S. 35-37

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