Bluthochdruck: Einnahme am Abend kann Medikamentenwirkung verstärken

Stuttgart, März 2012 – Bei einigen Hochdruckpatienten erzielen die Medikamente eine bessere Wirkung, wenn sie abends eingenommen werden. Der Grund liegt darin, dass bei einigen Patienten die natürliche Tag-Nacht-Schwankungen des Blutdrucks gestört ist und sich sogar umkehren kann, erläutert ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

Bei gesunden Menschen fällt der Blutdruck nachts leicht ab. Am Morgen kommt es zu einem Wiederanstieg. Ärzte raten ihren Patienten mit Bluthochdruck deshalb in der Regel, die Medikamente am Morgen einzunehmen. Es gibt jedoch Ausnahmen von der Regel, erläutert Professor Roland Schmieder vom Universitätsklinikum Erlangen. Bei Nierenkrankheiten, beim Schlaf-Apnoe-Syndrom und bei einigen Menschen mit extrem hohem Blutdruck kann der natürliche Rhythmus gestört oder aufgehoben sein. Die Ärzte sprechen von „Non-Dippern“: „dip“ steht für Senkung. Einige Hochdruckpatienten haben sogar nachts die höchsten Blutdruckwerte, berichtet Professor Schmieder, und sind sogenannte „Inverted Dipper": „inverted“ steht für umgekehrt.

Wer „Non-Dipper“ oder „Inverted Dipper“ ist, wird mit einer 24-Stunden Blutdruckmessung diagnostiziert. So lässt sich herausfinden, bei wem die abendliche Einnahme der Blutdruckmedikamente die beste Wirkung erzielt. Bei einigen Patienten mit fehlendem Blutdruckabfall kann die nächtliche Blutdruckeinstellung verbessert und ein normales Dipping-Profil wieder hergestellt werden, sagt Professor Schmieder.

Doch nicht alle Medikamente eignen sich für die Einnahme am Abend. Ungünstig ist sie dem Experten zufolge bei den sogenannten Betablockern. Diese Mittel fangen den Blutdruckanstieg durch Hemmung der Stresshormone ab. Dies gelingt am besten bei einer Einnahme am Morgen, da die Konzentration der Hormone vormittags am höchsten ist.

Eine abendliche Einnahme ist dagegen günstig bei „ACE-Hemmern“ und „Angiotensinrezeptorblockern“. Beide greifen in die hormonelle Regulierung des Blutdrucks ein, die in den frühen Morgenstunden vor dem Aufstehen die höchste Aktivität zeigt. Eine weitere Medikamentengruppe, die Kalziumkanalblocker, haben laut Prof. Schmieder gleich zwei Vorteile. Die abendliche Gabe verstärke nicht nur die Senkung des nächtlichen Blutdrucks. Auch die Ödeme, die bei einer morgendlichen Einnahme bei einigen Patienten auftreten, würden häufig vermieden. Auch harntreibende Mittel können bedenkenlos abends eingenommen werden. Dabei kommt es nicht, wie allgemein angenommen, zu einem gehäuften nächtlichen Wasserlassen.

Besonders günstig ist die abendliche Einnahme bei Patienten, deren Blutdruck sich auch mit drei oder mehr Medikamenten nicht ausreichend senken lässt. Allein durch das Verschieben der Einnahme vom Morgen auf den Abend kann der obere Wert im Mittel um etwa 10 mm Hg gesenkt werden. Vorsicht geboten sei dagegen bei älteren Menschen mit einer ausgeprägten Gefäßverkalkung. Hier könne es infolge des verstärkten Blutdruckabfalls in der Nacht zu gefährlichen Durchblutungsstörungen kommen, warnt Professor Schmieder. Bei ihnen sei weiterhin die morgendliche Einnahme der Medikamente am besten.

R. E. Schmieder, P. Bramlage, H. Schunkert:
Chronobiologie des Blutdrucks und Chronopharmakotherapie der arteriellen Hypertonie
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012: 137 (07): S. 317-321

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