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    Mangelernährung kann das Fortschreiten einer Demenz begünstigen.

     

Demenz: Neue Leitlinie empfiehlt Standard-Screening auf Mangelernährung

fzm, Stuttgart, Juni 2016 – Viele Menschen mit Demenz essen nicht genug. Das kann das Fortschreiten der Erkrankung begünstigen. In der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) fordern Experten, den Ernährungszustand bei Demenzkranken standardmäßig zu prüfen und gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die Notwendigkeit einer Spezialnahrung sehen die Mitautoren der europäischen Leitlinie der „European Society for Clinical Nutrition and Metabolism“ hingegen nicht.

Zu den frühen Störungen der Demenz gehört, dass das Essen nicht mehr schmeckt. Später vergessen die Betroffenen ihre Mahlzeiten und sie verlernen, wie sie die Nahrung zu sich nehmen müssen. Eine Mangelernährung ist die Folge. Dies belastet nicht nur Angehörige und Pflegekräfte. Es kann auch das Fortschreiten der Demenz beschleunigen, da das Gehirn auf hochwertige Nährstoffe angewiesen ist.

Die „European Society for Clinical Nutrition and Metabolism“ empfiehlt, bei allen Demenzkranken auf eine ausreichende Ernährung zu achten. „Wir raten, jede Person mit Demenz auf Mangelernährung zu screenen“, schreibt Professor Dorothee Volkert vom Institut für Biomedizin des Alterns an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist Erstautorin der europäischen Leitlinie, deren Inhalt sie in der DMW vorstellt. Erkennen Mediziner einen Mangel, sollte, laut der Leitlinie, eine eingehende Beurteilung erfolgen, aus der sich entsprechende Maßnahmen ableiten lassen.

An erster Stelle steht die Unterstützung der regelmäßigen Nahrungszufuhr. „Wir empfehlen, dass die Patienten die Mahlzeiten in einer angenehmen, entspannten Atmosphäre einnehmen“, schreibt die Expertin. Dazu gehöre ein vielfältiges Essensangebot, das den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben der Betroffenen entspricht. Den Patienten könne beispielsweise neben den Hauptmahlzeiten immer wieder kleine Snacks als „Finger Food“ angeboten werden, die sie auch beim Umhergehen verzehren können. „Eat by walking“ nennt Professor Volkert diese Strategie. Zudem müssten mögliche Ursachen einer Mangelernährung, etwa Kaubeschwerden, akute Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen, Schmerzen oder psychische Belastungen beseitigt oder behandelt werden.

Darüber hinaus könne Ernährung in flüssiger Form helfen. „Trinknahrung liefert Energie und alle essenziellen Nährstoffe in konzentrierter Form und ist angezeigt, wenn der Bedarf durch übliche Lebensmittel nicht gedeckt werden kann“, so Volkert. Die Vorteile von Trinknahrung für den Ernährungszustand seien durch klinische Studien gut belegt.

Das Fortschreiten der Demenz lasse sich dadurch nicht aufhalten. Das gelte auch, wenn Spezialnahrung verabreicht wird. Ohnehin empfiehlt die Leitlinie weder Omega-3-Fettsäuren, noch Vitamine (B1, B6, B12, D, E, Folsäure) oder Spurenelemente wie Selen oder Kupfer. Dasselbe gilt für nährstoffverwandte Substanzen wie Polypeptide, Homotaurin, Lezithin, Curcumin, Alpha-Liponsäure, Phosphatidy-Serin, N-Acetyl-Cystein oder Acetyl-N-Carnitin. Der Grund: Die Substanzen seien zwar mehr oder weniger umfassend untersucht. Einen Nutzen konnte laut Volkert jedoch keine Studie belegen.

Eine künstliche Ernährung ist nach Ansicht von Professor Volkert nur sinnvoll, wenn sie einem therapeutischen Ziel, der Bewältigung einer akuten Erkrankung, dient. Bei Patienten mit schwerer Demenz am Lebensende sollte von einer künstlichen Ernährung und Flüssigkeitsgabe abgesehen werden. „Dies wäre nur eine zusätzliche Belastung für den sterbenden Patienten“, so Volkert.

D. Volkert, C. C. Sieber und R. Wirth:
Ernährung bei Demenz – Neue Leitlinie der „European Society for Clinical Nutrition and Metabolism“
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (11); S. 762–766