Frauenfußball – frauentypische Verletzungen

Stuttgart, Juli 2011 – Frauen spielen nicht nur anders Fußball – sie verletzen sich auch anders als Männer. Der Frage, warum dies so ist, ist die Physiotherapeutin und Redakteurin Astrid Nedbal auf den Grund gegangen. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) legt sie dar, welche physischen Unterschiede für das abweichende Verletzungsspektrum von Fußballerinnen und ihren männlichen Kollegen verantwortlich sind.

Zwar verletzen sich Frauen insgesamt etwas seltener als Männer, Traumata an Kopf und Knie sind bei ihnen jedoch schwerwiegender. „Bei Frauen ist es gleich eine Gehirnerschütterung, bei Männern lediglich eine Platzwunde “, resümiert Astrid Nedbal.

Die große Schwachstelle der Frauen sei eindeutig das Knie. Rund 80 Prozent der Verletzungen betreffen bei beiden Geschlechtern die untere Extremität. Während Männer sich häufiger die Beinmuskeln zerren, reißen bei den Fußballerinnen schneller die Sehnen und Bänder. Das vordere Kreuzband des Knies reißt bei Frauen bis zu zehn Mal häufiger als bei Männern. Interessanterweise ist bei der Entstehung dieser Verletzung nur selten eine gegnerische Spielerin beteiligt: In 70 Prozent der Fälle reißt das Band bei der Landung nach Sprüngen, bei plötzlichem Abstoppen oder einer abrupten Drehbewegung.

Verantwortlich hierfür sind anatomische und physiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, erläutert Astrid Nedbal. „Spielerinnen landen im Gegensatz zu Männern auf einem relativ gestreckten Bein – dabei wird das für Frauen typische X-Bein zum Risiko“, so die Physiotherapeutin Die abweichende Beinachse, eine im Vergleich zu den Fußballern unterschiedliche Muskelaktivierung und Kniegelenkanatomie enden für das Kreuzband oft fatal.

Im optimalen Fall bleibt die Kenntnis der unterschiedlichen Verletzungsmechanismen bei Männern und Frauen nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern führt zu neuartigen und geschlechtsspezifischen präventiven Ansätzen. „Um etwa die Schwachstellen des weiblichen Knies zu schützen, bedarf es einer guten Stabilität“, sagt Astrid Nedbal. Entscheidend hierfür sei die „Fitness“ der gelenkstabilisierenden Muskulatur. Zum Schutz des besonders anfälligen vorderen Kreuzbandes absolvieren viele Fußballerinnen bereits Stabilisationsübungen und ein neuromuskuläres Training. Einer amerikanischen Studie zufolge können solche präventiven Übungen die Gefahr einer Kreuzbandruptur deutlich senken.

Inwiefern der weibliche Hormonzyklus die körperlichen Strukturen beeinflusst – und etwa die Stabilität von Bändern zyklisch ab- und zunehmen lässt – darüber gibt es bislang nur widersprüchliche Studienergebnisse. Klar ist jedoch, dass Hormone das Verhalten von Frauen und Männern auch auf dem Fußballplatz unterschiedlich beeinflussen: Während Männer in stressigen Situationen zu den Verhaltensmustern Flucht oder Kampf neigen, sind bei Frauen beide Gehirnhälften aktiv. Sie bewerten Ereignisse und deuten vielfältige Informationen in eine stressige Situation. Um den Stress abzubauen, müssen sie – abhängig vom weiblichen Zyklus – eher kommunizieren. „Sportwissenschaftler Jens Fresse rät daher Trainern, mit gestressten Sportlerinnen zu reden und gestresste Männer dagegen trainieren zu lassen“, ergänzt Astrid Nedbal.

A. Nedbal:
Der feine Unterschied.
physiopraxis 2011; 9 (6): S. 42-44

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