Grippe: Rezepte gegen Impfmüdigkeit an einer deutschen Uniklinik

Stuttgart, Juli 2011 – Für ältere und abwehrgeschwächte Menschen im Krankenhaus kann eine Grippe zum tödlichen Risiko werden. Anstecken können sich Patienten bei Ärzten und Pflegepersonal, von denen sich in Deutschland nur eine Minderheit impfen lässt. In einer Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) wurden Vergesslichkeit, Zeitmangel oder Angst vor Nebenwirkungen als Gründe für die Impfmüdigkeit genannt. Die Autoren sehen deshalb Chancen, die Impfrate zu steigern.

Wie gefährlich eine Grippe für abwehrgeschwächte Patienten werden kann, mussten Virologen vom Universitätsklinikum Essen im Februar 2008 beobachten. An einer Klinik für Knochenmarktransplantation starben vier Patienten, die sich nachweislich beim Personal mit dem Grippevirus infiziert hatten. Für Dr. med. Hedwig Roggendorf, die in Essen die Impfsprechstunde leitet, ist es unverständlich, warum sich nur wenige Ärzte, Krankenpfleger und andere Personen, die Kontakt zu Patienten haben, impfen lassen. Und dies, obwohl die Grippeimpfung für medizinisches Personal gratis ist. Dr. Roggendorf: Die Kosten werden, gemäß der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge und der Biostoffverordnung vom Arbeitgeber übernommen.

Bundesweit liegt die Durchimpfungsrate des Personals von Arztpraxen und Kliniken bei 20 Prozent. Auch am Universitätsklinikum Essen gaben in einer Mitarbeiterbefragung Anfang 2009 nur 29 Prozent an, an der letzten Grippeimpfung teilgenommen zu haben. Das sei viel zu wenig, um Ansteckungen von Patienten zu verhindern, weiß die Impfexpertin. Selbst in der Klinik für Knochenmark- und Stammzelltransplantation sei die Impfquote mit 37 Prozent nicht ausreichend, um Übertragungen auf Patienten zu verhindern. Dabei hatte sich das Universitätsklinikum Essen sehr um die Grippeimpfung bemüht. In der Saison 2008/2009 wurden die Impfungen erstmals “vor Ort” in den einzelnen Abteilungen der Kliniken und Institute angeboten.

Am ehesten waren noch Ärzte bereits, sich impfen zu lassen. Bei ihnen lag die Impfrate bei 42 Prozent. Vom Pflegepersonal, das einen noch engeren Kontakt zu den Patienten hat, waren nur 22 Prozent geimpft. Am wenigsten Interesse zeigte das männliche Pflegepersonal mit einer Durchimpfungsrate von nur 15 Prozent.

Dr. Roggendorf und ihre Kollegen haben die Mitarbeiter auch nach den Gründen für eine Nichtimpfung gefragt. In jedem zweiten Fall lautete die Antwort “Vergessen” (32 Prozent) oder „keine Zeit” (16 Prozent). Fast ein Drittel hatte Angst vor den Nebenwirkungen (30 Prozent), eine Minderheit von 13 Prozent war nicht vom Nutzen der Impfung überzeugt.

Neben Gedankenlosigkeit und Zeitmangel macht Dr. Roggendorf die fehlende Information des Personals für die niedrige Impfquote verantwortlich. Ihre Umfrage ergab, dass sich zwei von drei Mitarbeitern nicht gut über die Grippe und Grippeimpfung informiert fühlten. Dr. Roggendorf glaubt deshalb, dass Broschüren, Videos und Veranstaltungen helfen könnten, die Mitarbeiter zu motivieren. Auch Ängste und Fehlinformationen ließen sich so ausräumen, hofft die Medizinerin: Viele Studien hätten die gute Verträglichkeit der Impfung belegt. Auch die Annahme, der Schutz sei ineffektiv, lasse sich durch gezielte Information widerlegen.

Ein Erinnerungssystem, das die Mitarbeiter über das Klinik-Intranet auf Impftermine im mobilen Impfwagen hinweist, wäre außerdem hilfreich. Wichtig erscheint der Expertin auch die Motivierung durch den betriebsärztlichen Dienst, der zwei Drittel der Impfungen durchführt. Dr. Roggendorf: Durch den langjährigen beharrlichen Einsatz der Betriebsärzte hat das Klinikum der Universität Frankfurt/Main kürzlich eine Durchimpfungsrate von über 50 Prozent erreicht. In einem anderen Fall stieg die Impfrate, als während der Grippesaison eine Mundschutzpflicht eingeführt wurde.

H. Roggendorf et al.:
Die Influenza-Impfrate bei Mitarbeitern eines Universitätsklinikums. Status Quo und geeignete Verbesserungsstrategien
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (24): S. 1299-1304

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