Hausärzte: Die verhinderten Gesundheitsberater?

Stuttgart, Februar 2012 – Die meisten Hausärzte sehen sich nicht nur als Therapeuten von Krankheiten, sondern auch als Gesundheitsberater. Aber nur eine Minderheit der Mediziner unterbreitet ihren Patienten Angebote zur Änderung des Lebensstils, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden. Dies geht aus einer Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) hervor. Als Grund gaben die Mediziner Zeitmangel und eine unzureichende Vergütung an. Viele zweifeln auch an der Motivation ihrer Patienten.

In keinem anderen europäischen Land ist die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte so hoch wie in Deutschland. Hausärzte sehen ihre Patienten im Durchschnitt zwölfmal im Jahr. Als Ansprechpartner und in der Durchführung individualpräventiver Maßnahmen nehmen sie deshalb eine zentrale Rolle ein, schreibt das Team um Christina Huy vom Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Die Diplominformatikerin und ihre internistischen Kollegen haben in einer Umfrage unter 260 Hausärzten in Baden-Württemberg untersucht, wie gut die Mediziner ihre Möglichkeiten zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschätzen und ob sie diese auch anbieten.

Am optimistischsten sind die befragten Hausärzte beim Risikomanagement von Bluthochdruck, Cholesterin und Diabetes. Fast alle erkennen die Bedeutung dieser Risikofaktoren an und halten sich in der Behandlung für kompetent. Mehr als 90 Prozent waren auch der Ansicht, ihre Patienten hier erfolgreich motivieren zu können, berichtet Frau Huy. Bei den Risikofaktoren des Lebensstils Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, übermäßiger Alkohol und Tabakrauchen äußerten sich die Mediziner in den Fragebögen wesentlich skeptischer. Die meisten halten sich im Prinzip auch hier für kompetente Berater. An einen Erfolg glauben viele jedoch nicht. Bei der Tabakentwöhnung waren es nur 23 Prozent. Neben der fehlenden Mitarbeit der Patienten beklagten die Ärzte eine unzureichende Vergütung und Zeitmangel.

Viele Hausärzte begnügen sich damit, die Risikofaktoren im Gespräch mit dem Patienten zu erfassen und den Nutzen eines gesunden Lebensstils kurz zu erläutern. Schriftliches Informationsmaterial teilte nur jeder Fünfte aus, und Kontakte zu anderen Hilfsangeboten werden nur selten hergestellt, berichten die Autoren.

Ärztinnen sind den Ergebnissen zufolge doppelt so häufig wie ihre männlichen Kollegen bereit, Patienten zum Lebensstil zu beraten. Überzeugte Lebensstilberater legten auch häufiger Fragebögen zu den Risikofaktoren in ihren Wartezimmern aus.

Insgesamt sehen die Autoren der Studie eine Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung vieler Ärzte, die durch ihr hohes Wissenspotenzial für die Beratung infrage kämen, und der Umsetzung in eine effektive Lebensstilberatung. Um Ärzte als Gesundheitsberater zu gewinnen, müssten diese besser geschult werden, fordern die Forscher. Auch die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen müssten verbessert werden.

C. Huy, C. Diehm, S. Schneider:
Herz-Kreislauf-Prävention beim Hausarzt? Erste Ergebnisse einer Studie zu Einstellungen, Angeboten, Erfolgen und Problemen in der Praxis.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 137 (01/02):
S. 17-22

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