Herzinfarkt: Maßgeschneiderte Prävention für Frauen

Stuttgart, Juli 2012 – Wenn Frauen einen Herzinfarkt erleiden, dann empfinden sie oft nicht die als typisch betrachtete schmerzhafte Brustenge. „Besonders bei jüngeren Frauen macht sich der Infarkt statt dessen häufig durch Schwindel, Bauchschmerzen oder Übelkeit bemerkbar“, berichten Ute Seeland und Vera Regitz-Zagrosek. Auch bei der Prävention eines Herzinfarktes bestünden deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen, so die beiden Ärztinnen in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift „XX – Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

„Wer Herzkrankheiten vorbeugen will, muss sowohl klinische als auch soziologische Geschlechterunterschiede berücksichtigen“, sagen die Internistin und Gendermedizinerin Ute Seeland und die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek, die beide an der Berliner Charité arbeiten. Zu den klinischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen zählt beispielsweise die Reaktion des Herzmuskels auf den Risikofaktor Bluthochdruck. Die erhöhte Druckbelastung führt bei Männern häufig zu einer Erweiterung der linken Herzkammer, die das Blut dann nicht mehr kräftig genug auswerfen kann. Bei Frauen dagegen verdickt sich in diesem Bereich eher der Herzmuskel. Der Blutauswurf wird dadurch nicht beeinträchtigt, wohl aber die anschließende Entspannungsphase. „Die Kenntnis dieser Unterschiede ist wichtig, um die Herzinsuffizienz bei Frauen nicht zu übersehen, resümieren Seeland und Regitz-Zagrosek.

Die Ärztinnen weisen zudem darauf hin, dass die Wirkungen und Nebenwirkungen kardiovaskulärer Medikamente in der Regel zunächst nur an männlichen Probanden erforscht werden; wie Frauen darauf reagieren, ist oft nur unzureichend untersucht. Bei Frauen müssten zudem andere Faktoren zur Abschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos herangezogen werden – etwa die Einnahme von Hormonersatzpräparaten oder frühere Schwangerschaften, wenn diese mit Komplikationen wie einer Präeklampsie behaftet waren.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten gemeinhin als typisch männliche Leiden. Tatsächlich sterben jedoch mehr Frauen (45,2 Prozent) als Männer (36,5 Prozent) an solchen Erkrankungen. Fragen wirft vor allem die Situation beim Herzinfarkt auf: Zwar erleiden prozentual mehr Männer einen Herzinfarkt, doch sterben mehr Frauen in der Frühphase nach dem Infarkt. Seeland und Regitz-Zagrosek führen dafür mehrere mögliche Gründe an. So trägt zur schlechteren Prognose sicherlich bei, dass die Frauen beim ersten Infarkt durchschnittlich acht bis zehn Jahre älter sind als Männer. Entsprechend weisen sie bereits mehr Vorerkrankungen auf. Die oft untypischen Symptome, mit denen sich der Infarkt bei Frauen bemerkbar macht, führen womöglich dazu, dass die Behandlung später beginnt als bei Männern. „Es kommen aber auch soziokulturelle Faktoren ins Spiel“, sagen die Berliner Ärztinnen. So seien Frauen stärker in familiäre Betreuungsaufgaben eingebunden. Während sie die Rolle der Gesundheitsmanagerin für die ganze Familie übernehmen, verdrängen sie leicht eigene körperliche Warnzeichen oder zweifeln an deren Bedeutung. Auch neigten Frauen dazu, sich kein zweites Mal einem Arzt vorzustellen, auch wenn die Probleme nicht verschwinden.

„Der Erfolg bei der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen lässt gerade bei Frauen noch zu wünschen übrig“, mahnen Seeland und Regitz-Zagrosek. Als wichtigste Elemente einer effektiven Vorbeugung sehen sie eine konsequente Bluthochdrucktherapie, die Diagnostik und Therapie eines Diabetes mellitus, die Einhaltung der empfohlenen LDL-Cholesterin-Werte und eine optimale Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und Fisch, aber wenig Fleisch, Alkohol, Salz und Zucker. In diesem Bereich verstärkt aufzuklären und etwa Ernährungsschulungen anzubieten sei besonders bei Frauen von großer Bedeutung – denn meist sind sie es, die auch für die Ernährung der Familie sorgen.

U. Seeland; V. Regitz-Zagrosek:
Frauenherzen schlagen anders.
XX – Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin 2012; 1 (2): S. 100-106

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