Neue EKG-Analyse erkennt früher als bisher drohenden Herzstillstand

fzm, Stuttgart, April 2016 – Eine moderne Analyse der „Herzstromkurve“, auch Elektrokardiogramm (EKG) genannt, hilft Ärzten, das Risiko für einen Herzstillstand bei Patienten früher als bisher zu erkennen und lebensrettende Maßnahmen, wie die Implantation eines Defibrillators (ICD), zu ergreifen. Professor Axel Bauer stellt das Verfahren namens „Periodic Repolarization Dynamics“ (PRD) in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) vor.

Ein plötzliches Aussetzen des Herzschlags ist für fast die Hälfte aller Todesfälle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich. Zumeist handelt es sich dabei um Menschen, die Monate oder Jahre zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatten. Die Implantation eines Defibrillators (ICD) kann ihnen das Leben retten. Bislang ist es jedoch nur bedingt möglich, die Risikopatienten rechtzeitig zu erkennen. Der einzige Hinweis war ein Abfall der Pumpfunktion der linken Herzkammer. Sinkt diese auf einen Wert von 30 bis 35 Prozent oder weniger, erhalten die Patienten einen ICD. Jedoch hatten zwei Drittel aller Menschen, die an einem Herzstillstand sterben, vor ihrem Tod eine bessere Pumpfunktion.

Eine neuartige Analyse der EKG-Kurve soll jetzt auch in dieser Gruppe diejenigen Personen mit einem drohenden Herztod identifizieren. Das Verfahren „Periodic Repolarization Dynamics“ (PRD) entwickelte ein Team um Professor Axel Bauer vom Klinikum der Universität München. Es misst den Einfluss des sympathischen Nervensystems auf die sogenannte Repolarisation – die Erholungsphase am Ende der Herzaktion.

Im EKG wird dies als T-Welle sichtbar. Aus früheren Untersuchungen war bekannt, dass eine gesteigerte Aktion des sympathischen Nervensystems, etwa bei Anstrengungen oder Stress, zu einem tödlichen Aussetzer der Herzaktion führen kann. Im Standard-EKG ist das jedoch nicht erkennbar. In der PRD, die mit einem besonderen, hochfrequenten EKG-Gerät aufgezeichnet wird, sind innerhalb der T-Welle jedoch hohe Ausschläge zu erkennen. Professor Bauer bezeichnet sie als dT°-Signale.

Um die Vorhersage zu verbessern, koppelt Professor Bauer die PRD-Analyse mit einem weiteren Messwert der EKG-Analyse: Die sogenannte Dezelerationskapazität (DC) misst den Einfluss des Nervus vagus. Dieser Gegenspieler des sympathischen Nervensystems verlangsamt den Herzschlag und vermindert die Pumpleistung. Beides erhöht ebenfalls das Risiko für einen plötzlichen Herztod.

In der abgeschlossenen „ISAR-Risk-Studie“ konnte das Team um Professor Bauer zeigen, dass auffällige Werte von PRD und DC nach einem Herzinfarkt ein deutlich erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod anzeigen, auch wenn die Pumpfunktion mit 35 bis 50 Prozent noch relativ gut ist.

In der nun geplanten „SMART-MI-Studie“ soll 908 Patienten mit guter Pumpfunktion aber auffälligen PRD- und DC-Werten zunächst ein kardialer Monitor implantiert werden. Er zeichnet Herzrhythmusstörungen auf, die von den Patienten nicht bemerkt werden, aber laut den Ergebnissen einer dänischen Studie dem plötzlichen Herztod häufig vorausgehen. Wenn der Herzmonitor Alarm schlägt, sollen die Patienten der SMART-MI-Studie innerhalb von 48 Stunden in einem Speziallabor behandelt werden. Gegebenenfalls wird ein ICD implantiert, der im Fall einer gefährlichen Herzrhythmusstörung einen lebensrettenden Stromstoß abgibt.

K. Rizas und A. Bauer:
Periodic Repolarization Dynamics – neue Strategien zur Bekämpfung des plötzlichen Herztods
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (7);
S. 504–508