Iatrogenität: Warum ältere Menschen häufiger durch Medikamente und Operationen zu Schaden kommen

Stuttgart, Juli 2011 – Senioren laufen eher als jüngere Menschen Gefahr, durch medizinische Behandlungen geschädigt zu werden. Experten nennen in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) die vier häufigsten Probleme und wie sie sich vermeiden lassen.

Wenn der Arzt (griechisch: iatros) seinem Patienten Schaden zufügt, sprechen Experten von Iatrogenität. Senioren sind aufgrund ihrer verminderten körperlichen Reserven und häufiger Begleiterkrankungen besonders gefährdet. Das erste Problem, das Dr. Philipp Bahrmann vom Klinikum Nürnberg und Mitautoren nennen, sind unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW). Sie treten laut Studien bei bis zu 15 Prozent aller Patienten im Krankenhaus auf. Nicht selten seien diese sogar der Anlass für die Klinikbehandlung, so Dr. Bahrmann. Er sieht die Ursache vor allem in einer so genannten Polypharmazie: Viele Senioren nehmen vier oder mehr Medikamente ein. Im Alter steigt aber das Risiko auf eine UAW, weil Wirksamkeit und Ausscheidung der Mittel durch eine Nierenschwäche verändert werden. Sehstörungen, geistige Leistungsschwächen oder eine eingeschränkten Beweglichkeit in den Fingern führen außerdem zu Einnahmefehlern. Einige Wirkstoffe sollten deshalb bei älteren Menschen vermieden werden, fordert Dr. Bahrmann. Er verweist auf die kürzlich von Experten zusammengestellte PRISCUS-Liste der Medikamente, die Ärzte älteren Menschen nicht verordnen sollten.

Medikamente sind häufig auch am Risiko Nummer zwei beteiligt: Etwa ein Drittel der zu Hause lebenden Menschen über 65 stürzt im Durchschnitt einmal im Jahr. Schuld sind nicht nur Sehstörungen und die körperliche Gebrechlichkeit. Auch Medikamente gegen Depressionen oder Schlaftabletten erhöhen das Sturzrisiko, warnt Dr. Bahrmann. Mittel gegen Bluthochdruck können bewirken, dass Menschen nach dem Aufstehen kollabieren - und dabei nicht selten zu Schaden kommen. Bei fünf Prozent aller Stürze der Senioren kommt es zu Knochenbrüchen, berichtet Dr. Bahrmann: Eine gebrochene Hüfte kann schnell zum tödlichen Risiko werden. Bei den über 65-Jährigen sterben bis zu 24 Prozent im ersten Jahr nach einem Schenkelhalsbruch. Andere verlieren ihre Selbstständigkeit und müssen im Pflegeheim betreut werden.

Ein Klinikaufenthalt überfordert ältere Menschen schnell. Der Stress durch die ungewohnte Umgebung löst in Kombination mit der Erkrankung und einer Operation schnell Verwirrtheitszustände aus. Das Delirium ist das dritte der vier von Dr. Bahrmann genannten Iatrogenitätsrisiken. Es ist keineswegs selten. Nach operativen Eingriffen erleiden bis zu 62 Prozent und auf Intensivstationen bis zu 87 Prozent Verwirrtheitszustände. Auslöser sind auch hier häufig Medikamente, die auf das Gehirn wirken und deshalb auf dem PRISCUS-Index stehen. Nach Ansicht von Dr. Bahrmann sollten sich die Vorsichtsmaßnahmen aber nicht auf das Meiden bestimmter Arzneien beschränken. Wichtig für ältere Menschen sei eine stressfreie Umgebung im Krankenhaus, ein ruhiger Umgang mit dem Patienten sowie eine klare und einfache Kommunikation.

Operationen sind das vierte Risiko: Nach chirurgischen Eingriffen erleiden ältere Menschen doppelt so häufig Komplikationen wie jüngere. Gefürchtet ist vor allem eine Lungenentzündung, die nicht selten tödlich endet. Sie wird nicht nur durch die Bettruhe begünstigt. Viele ältere Menschen haben Schluckstörungen, berichtet der Experte. Um zu vermeiden, dass Speisereste in die Atemwege gelangen, sollte die Nahrung angedickt und der Schluckakt trainiert werden. Dies gelingt am besten, wenn die Patienten auf die Operation vorbereitet werden. Die Sterblichkeit ist nach geplanten Operationen deutlich niedriger als nach Notoperationen, berichtet Dr. Bahrmann. Er rät, erforderliche Eingriffe nicht unnötig hinauszuschieben.

P. Bahrmann et al.:
Iatrogenität. Unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (22): S. 1169-1171

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