Impfmüdigkeit trotz besserer Impfstoffe

Stuttgart, Oktober 2011 – Die Industrie stellt immer bessere Impfstoffe her, doch die Bevölkerung in Deutschland, Mediziner eingeschlossen, ignoriert selbst die nötigsten Impfungen, beklagt ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011).

Masern könnten durch Impfung ausgerottet werden. In einigen Ländern wie den USA, den Niederlanden oder in Skandinavien gebe es die Kinderkrankheit praktisch nicht mehr, berichtet Professor Winfried Kern vom Zentrum Infektiologie und Reisemedizin an der Universitätsklinik Freiburg. Anders in Deutschland: Im letzten Jahrzehnt wurden 17.510 Masernerkrankungen gemeldet, in diesem Jahr waren es bis Ende September bereits mehr als 1500. Der Grund: Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen. Aber auch viele Erwachsene sind nicht ausreichend geschützt. Sicherheit gewährt nur eine zweimalige Impfung, erläutert der Experte. Die zweite Impfung wurde in der Bundesrepublik aber erst 1986, in der ehemaligen DDR sogar erst 1991 eingeführt. Die Folge ist ein steigender Anteil von maserngefährdeten Erwachsenen. Etwa jeder dritte Patient ist heute über 20 Jahre alt, berichtet Professor Kern und warnt: Bei Erwachsenen ist das Risiko schwerwiegender Komplikationen wie Lungenentzündung oder Gehirnentzündung deutlich erhöht. Wer bisher nicht oder in der Vergangenheit nur einmal geimpft wurde, sollte den Impfschutz auffrischen, rät der Experte. Das gleiche gelte bei einem unklaren Impfstatus.

Auch die Grippe-Impfung wird von der deutschen Bevölkerung nicht ausreichend angenommen. Empfohlen wird sie neben chronisch Kranken allen Menschen über 60 Jahren. Doch in dieser Altersgruppe nutzt nur jeder zweite die Möglichkeit, sich vor einer schweren Influenza zu schützen. Zu gering ist die Impfbereitschaft laut Professor Kern auch bei Medizinern. Ärzte und Pflegepersonal jeglichen Alters sollten sich impfen lassen, damit sie ihre Patienten, ältere Menschen und Kinder, nicht anstecken. Die Impfrate liege seit Jahren unverändert bei 15 bis 30 Prozent, merkt der Infektiologe an. In den USA sei die Rate deutlich höher. An einigen Kliniken müssten Ärzte, die sich nicht impfen lassen, in der Grippesaison einen Mundschutz tragen. Die amerikanische Krankenhausgesellschaft habe sich jüngst sogar für eine Impfpflicht ausgesprochen. Die Erfahrungen zeigen, wie Professor Kern berichtet, dass dann Impfraten von über 95 Prozent erzielt werden. Nur wenige Mediziner würden die Impfung aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen ablehnen.

Bei den Masern ist der Impfstoff ausgereift. Auch die Influenza-Impfung kann als wirksam und gut verträglich gelten, schreibt Professor Kern. Die Herstellung in Hühnereiern sei jedoch für die heutigen Verhältnisse veraltet. Neue gentechnische Impfstoffe, die eine breitere und längere Wirksamkeit haben, seien in der Entwicklung oder würden bereits erprobt.

Fortschritte in der Entwicklung hat es dem Experten zufolge bei Impfstoffen gegen Pneumokokken und Meningokokken gegeben. Pneumokokken verursachen eine schwere Lungenentzündung. Seit 2006 wird in Deutschland für Kinder ein sogenannter Konjugatimpfstoff empfohlen. Er schützt laut Professor Kern nicht nur die geimpften Kinder. Er verhindere auch, dass nicht geimpfte ältere Menschen sich bei ihnen anstecken. Experten sprechen von einer Herdenimmunität. Ein weiterer Vorteil ist der Rückgang der Erkrankungen durch antibiotika-resistente Keime. Im letzten Jahr wurde nach Auskunft des Mediziners ein verbesserter Impfstoff eingeführt. Er erhöht die Zahl der abgedeckten Pneumokokken-Serotypen von sieben auf 13 und schließt wichtige Impflücken. Professor Kern erwartet, dass der neue Impfstoff demnächst auch für Erwachsene zugelassen wird. Bei ihnen wird derzeit noch ein älterer sogenannter Polysaccharid-Impfstoff eingesetzt. Aufgrund von Nebenwirkungen an der Einstichstelle ist er nicht für Auffrischungen geeignet.

Auch für Meningokokken, die eine schwere Hirnhautentzündung auslösen, gibt es einen modernen Konjugatimpfstoff. Neben Kindern sollten sich auch Touristen impfen lassen, die Länder des Meningitisgürtels in Afrika oder andere Gegenden bereisen, wo die Meningitis verbreitet ist. Für Mekka-Pilger ist eine Impfung Pflicht. Professor Kern rät allen Fernreisenden, ihren Impfschutz aufzufrischen und sich vor länderspezifischen Infektionen zu schützen. Zu den Neueinführungen zählt hier ein Impfstoff gegen die Japanische Enzephalitis, einer in Ost- und Südostasien verbreiteten Virusinfektion. Der Experte rechnet damit, dass in den nächsten Jahren weitere Impfstoffe, etwa gegen Tuberkulose oder das Dengue-Fieber und vielleicht auch gegen die Immunschwäche HIV hinzukommen.

M. W. Pletz, P. Zanger, W. Jilg, W.V. Kern:
Impfungen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (40): S.2011-2015

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