„Kältekatheter“ beseitigt Herzrasen bei Kindern und Jugendlichen

Stuttgart, November 2011 – Ein anfallsartiges Herzrasen kann in bestimmten Fällen durch eine Katheterbehandlung geheilt werden. Bei Kindern- und Jugendlichen setzen Ärzte inzwischen einen „Kältekatheter“ ein, der schonender ist, als der bei Erwachsenen verwendete „Hitzekatheter“. In einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) wurde bei den meisten Behandlungen das Ziel erreicht, den Herzschlag auf Dauer zu normalisieren.

Bei der paroxysmalen Tachykardie, wie Mediziner das anfallsweise Herzrasen nennen, kann der Puls von einer Sekunde auf die andere auf 160 bis 230 Schläge pro Minute ansteigen. Nach einiger Zeit stellt sich ebenso rasch wieder der normale Puls ein. Ursache für das anfallsartige Herzrasen sind bei Kindern und Jugendlichen meistens angeborene zusätzliche Muskelfasern zwischen den beiden Herzvorhöfen und den beiden Herzkammern. Sie führen zu einem „Kurzschluss“ im Erregungsleitungssystem. Die Mediziner sprechen von einem Re-Entry-Phänomen: Der nächste Herzschlag tritt früher ein, als durch den natürlichen Taktgeber vorgesehen.

Die verantwortlichen Muskelfasern können heute mittels eines speziellen Herzkatheters geortet und zerstört werden. Normalerweise verwenden Ärzte einen Radiofrequenz-Katheter, dessen Spitze sich durch einen Wechselstrom stark erhitzt. Das Gewebe wird sofort zerstört, die Wirkung der Radiofrequenz-Ablation ist nicht umkehrbar, berichtet Privatdozent Mathias Emmel vom Herzzentrum der Uniklinik Köln. Im Gegensatz dazu kann das Gewebe durch eine sogenannte Kryo-Ablation mit einem „Kältekatheter“ zunächst vorübergehend ausgeschaltet werden. Eine Probekühlung auf minus 30 Grad zeigt den Kölner Kinderkardiologen, ob sie tatsächlich die richtige Stelle „erwischt“ haben und ob eine Therapie ohne nachteilige Folgen möglich ist. Erst dann kühlen sie die Katheterspitze über sechs Minuten lang auf minus 80 Grad ab und zerstören das Gewebe dauerhaft.

Die paroxysmale Tachykardie ist keine lebensgefährliche Erkrankung, die Gefahr eines Herzstillstands besteht in der Regel nicht. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist es deshalb wichtig, lebenslange Folgen einer Ablation zu vermeiden, berichtet Dr. Emmel. Im schlimmsten Fall würden die Patienten nach der Behandlung einen Herzschrittmacher benötigen. Dies konnte bei allen in Köln mit dem Kältekatheter behandelten Kindern und Jugendlichen vermieden werden. Insgesamt 35 von 39 Patienten konnten zunächst von ihrem anfallsweisen Herzrasen befreit werden, insgesamt 28 Patienten sind im Durchschnitt drei Jahre nach dem Eingriff beschwerdefrei, 26 betrachten die Kölner Kinderkardiologen als geheilt.

Die Erfolgsrate ist laut Dr. Emmel zwar etwas geringer als nach der Radiofrequenz-Ablation mit dem Hitzekatheter. Bei Kindern und Jugendlichen steht für den Kinderkardiologen jedoch die Sicherheit an erster Stelle. Die Behandlung mit dem Kältekatheter hat noch einen weiteren Vorteil. Bei der Probekühlung friert die Katheterspitze am Gewebe fest, berichtet Dr. Emmel. Die Kardiologen können dann das Röntgengerät abstellen. Bei der Radiofrequenz-Ablation ist dagegen eine Röntgendurchleuchtung bis zum Abschluss der Behandlung notwendig. Dr. Emmel: Die Strahlenbelastung ist dadurch deutlich höher.

Wenn die Kryo-Ablation misslingt, kann eine Radiofrequenz-Ablation versucht werden. Dies ist im Prinzip noch während der gleichen Katheterbehandlung möglich. Die Kölner Kinderkardiologen entscheiden sich heute jedoch in der Regel für einen zweiten Termin, da das Komplikationsrisiko unmittelbar nach einer Kryo-Ablation erhöht ist. Bei einem von vier Patienten, die noch in der gleichen Sitzung behandelt wurden, war es zu einem sogenannten AV-Block gekommen. Er verhindert, dass Erregungen von den Vorhöfen auf die Herzkammern weitergeleitet werden. Die Folge ist eine starke Verlangsamung des Herzschlags. Viele Patienten benötigen dann einen Herzschrittmacher.

M. Emmel et al.:
Kryoenergie zur Ablation arrhythmogener paraseptaler Substrate bei Herzrhythmusstörungen im Kindes- und Jugendalter.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (43):
S. 2187-2191
DOI 10.1055/s-0031-1292030

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