Metakognitives Training: Kopfkino und Wahnideen entkommen

Stuttgart, März 2012 – Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, werden oft von Wahnideen geplagt: Sie neigen dazu, selbst völlig harmlose, zufällige Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen als böswillig oder gar bedrohlich zu interpretieren. Um solche Denkverzerrungen wieder geradezurücken oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, hat sich das Metakognitive Training bewährt. Welches Potenzial das Training für ihre Arbeit als Ergotherapeutin besitzt, beschreibt Nicole Kaldewei in der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

Wie der Name es andeutet, beschäftigt sich das Metakognitive Training (MKT) mit dem Denken über das Denken: Automatisch auftauchende Gedanken und Gefühle sollen bewusst hinterfragt werden, um eventuell überschießende Reaktionen zu vermeiden. Die Methode, die es Schizophrenie-Patienten ermöglichen soll, aus wahnhaften Denkmustern auszubrechen, stammt aus der Verhaltenstherapie. Sie wurde im Jahr 2005 von Neuropsychologen des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf entwickelt und ist mittlerweile Bestandteil der Behandlungsrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Das Metakognitive Training ist evidenzbasiert und hat einen klaren Alltagsbezug. Damit erschien es Nicole Kaldewei, die als ergotherapeutische Leiterin in der LWL-Klinik für Psychiatrie in Marsberg arbeitet, ideal geeignet, um als Baustein in ihre ergotherapeutische Arbeit mit Schizophrenie-Patienten aufgenommen zu werden. „Außerdem ist das Training mit einem geringen Materialaufwand verbunden“, nennt sie einen weiteren Vorteil der Methode: Außer 16 Powerpoint-Präsentationen ist nur Low-Tech-Zubehör wie ein Handbuch und sechs Merkblätter mit Hausaufgaben nötig.

Während des MKT sollen die Patienten lernen, sich nicht vom ersten Eindruck lenken zu lassen – er ist oft trügerisch und enthüllt nur die halbe Wahrheit über einen Menschen oder eine Situation. Die in den Sitzungen gezeigten Beispiele machen den Patienten „Denkfallen“ bewusst, in die auch gesunde Menschen häufig tappen. Einem Freund etwa, der deutlich zu spät zu einer Verabredung erscheint, unterstellt man leicht mangelndes Interesse und reagiert entsprechend ungehalten. Die Zuspitzung solcher normalen Denkverzerrungen führt bei Schizophrenie-Patienten zu Problemen in der Alltagsbewältigung und letztlich zum Wahn.

„Dieser Zuspitzung wirkt das MKT entgegen“, sagt Nicole Kaldewei. „Die Patienten lernen, dass sie ihren ersten spontanen Impulsen nicht ausgeliefert sind, sondern ihre Gedanken aktiv hinterfragen und steuern können.“ Im Zentrum stehe dabei die Selbsterkenntnis der Patienten - besonders wichtig sei es daher, dass die Therapeutin die Sitzungen lediglich moderiere und keinen lehrerhaften Vortrag halte, so Kaldewei.

Um die Erfahrungen aus dem Training besser auf den Alltag übertragen zu können, bekommen die Teilnehmer eine gelbe und eine rote Karte an die Hand. Auf der gelben Karte stehen drei Fragen, die sich der Patient stellen soll, wenn er sich beleidigt oder bedroht fühlt: 1. Was sind die Beweise? 2. Gibt es andere Sichtweisen? 3. Selbst wenn ich recht habe – reagiere ich über? „Die Fragen unterstützen den Patienten dabei, gründlich nachzudenken, bevor er voreilige, falsche oder folgenschwere Entscheidungen trifft“, erklärt Nicole Kaldewei.

Ihre bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv: „Die praktische Umsetzung zeigt, dass die Patienten das neue Angebot sehr gut annehmen“, freut sie sich. Viele kommen bei den Gruppensitzungen ins Gespräch und sind in der Lage, ihre eigenen Denkverzerrungen kritisch zu betrachten. Außerdem wird den Patienten klar, dass sie mit ihrem „Kopfkino“ nicht alleine sind, sondern dass andere – zum Teil auch Gesunde – dieselben Erfahrungen machen.

N. Kaldewei:
Wahnhaften Gedanken die Stirn bieten.
ergopraxis 2012; 5 (1): S. 24-26

FZMedNews Bestellen Sie hier!