Informationsdefizite verringern Bereitschaft zur Organspende: Transplantation als Unterrichtsthema?

Stuttgart, Februar 2012 – Schüler wissen in Deutschland zu wenig über die Organspende. Dies hat eine Umfrage in der gymnasialen Oberstufe ergeben, die jetzt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) veröffentlicht wurde. Die Schüler nannten Informationsdefizite als wichtigsten Beweggrund für eine ablehnende Haltung zur Organspende im Fall eines Hirntodes.

Die Zahl der Organspender in Deutschland reicht seit Jahren nicht aus, um allen Menschen auf den Wartelisten rechtzeitig eine Organtransplantation zu ermöglichen, berichtet das Team um Dr. med. Johannes Wilhelm Rey von der Universitätsmedizin Mainz und Professor Dr. med. Peter Galle, Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen. Vor allem junge Menschen, deren Organe im Fall des Hirntodes besonders gut für eine Transplantation geeignet wären, besitzen nur selten einen Organspendeausweis. In der Umfrage, die Rey unter allen Oberstufenschülern der Landeshauptstadt durchführte, waren es nur 11,3 Prozent. Gleichwohl befürworteten 63 Prozent der Schüler im Falle ihres Hirntodes die eigene Organspende. Deutlich höher war die Bereitschaft, wenn die Jugendlichen bereits mit den Eltern über das Thema Organspende gesprochen hatten (70,8 Prozent) oder wenn die Eltern einen Organspendeausweis besitzen (83,8 Prozent).

Unter allen Schülern, die ihre Organe nicht spenden würden, gaben 72,4 Prozent ein Informationsdefizit als Grund an. Bedenken bei der Feststellung des Hirntods oder religiöse Motive wurden selten genannt. Die Informationsdefizite zeigten sich auch in den Antworten zu den Wissensfragen. So glaubten 14,6 Prozent aller Schüler fälschlich, dass bei der Hirntodfeststellung kein Herzschlag vorhanden sei. 55,9 Prozent meinten, dass die Hirntodfeststellung nicht auf der Intensivstation stattfinden müsse, was ebenfalls nicht korrekt ist. Insgesamt 35,3 Prozent gingen irrtümlich davon aus, dass der Hirntod keine Voraussetzung zur Organspende ist.

Für Rey und seine Kollegen wäre eine intensive Aufklärung ein Weg, die Spendebereitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen. Das Thema sollte ab dem 14. Lebensjahr in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden, fordern die Mediziner. Sie hoffen auf eine Multiplikatorwirkung: Über die Schüler könnten auch die Eltern und andere Familienmitglieder geworben werden. Die Untersuchung erfolgte vor dem Hintergrund der derzeitigen Diskussion um eine Widerspruchslösung, die und Mitautoren skeptisch betrachten. Sie befürchten, dass der Zwang, sich mit der Thematik zu beschäftigen, eher eine ablehnende Haltung fördere. Die Mediziner befürworteten die vom deutschen Ethikrat diskutierte „Äußerungspflicht“. Durch begleitende aktive Informationsangebote, auch im Unterricht, könnten Informationsdefizite behoben werden.

J. W. Rey et al.:
Organspendebereitschaft in Deutschland Eine regionale Umfrage unter Schülerinnen und Schülern.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137 (3):
S. 69-73

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