Psychotherapeutische Hilfe für Schmerzpatienten: Wer seinen Schmerz annimmt, leidet weniger

fzm, Stuttgart, April 2016 – Chronische Schmerzen schränken die Lebensqualität ein und sind psychisch sehr belastend. Betroffenen kann die sogenannte „Akzeptanz- und Commitment-Therapie“ (ACT) helfen. „Sie lernen dabei, sich nicht vom Schmerzerleben dominieren zu lassen, sondern ihr Handeln wieder daran zu orientieren, was sie als lebenswert empfinden“, erklärt Professor Albert Diefenbacher, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin. In der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) stellt er gemeinsam mit zwei Kollegen den neuen Therapieansatz vor.

Chronische Schmerzen werden häufig körperlich ausgelöst, während für die Aufrechterhaltung oft psychosoziale Faktoren wesentlich sind. „Dabei können ungünstige Bewältigungsstrategien eine Rolle spielen, aber auch eine gleichzeitig vorliegende Depression oder Angststörung“, erläutert Diefenbacher. Innerhalb eines interdisziplinären Behandlungsansatzes nehme die Psychotherapie daher einen wichtigen Stellenwert ein.

Bisherige psychotherapeutische Ansätze, wie etwa die kognitive Verhaltenstherapie, haben in der Regel eine Schmerzreduktion zum Ziel. „Paradoxerweise wird eine Schmerzfreiheit jedoch umso unwahrscheinlicher, je stärker sich die Therapie auf die Beseitigung der Schmerzen fokussiert“, sagt Diefenbacher. Bei der „Akzeptanz- und Commitment-Therapie“ (ACT) zählt eine Reduktion der Schmerzen dagegen ausdrücklich nicht zu den primären Therapiezielen. Vielmehr soll der Patient lernen, den Schmerz anzunehmen und eine Lebensperspektive zu entwickeln, die es ihm ermöglicht, sich wieder an eigenen Werten und Prioritäten zu orientieren.

Die Therapie ruht dabei auf sechs Grundpfeilern, deren gemeinsames Ziel es ist, die psychische Flexibilität zu erhöhen. „Die wichtigste Säule der Therapie ist die Akzeptanz“, erläutert Diefenbacher. Sie ermögliche es, sich auf realistische Ziele und eine angemessene körperliche Belastung zu konzentrieren – also weder in Schonung noch in Überlastung zu verfallen. Gefühle und Einschränkungen, die mit den Schmerzen assoziiert werden, sollen in einem behutsamen Prozess angenommen werden. Eng damit verbunden ist als weiterer Pfeiler die Achtsamkeit. Sie soll dazu beitragen, den Schmerz als Körperwahrnehmung zuzulassen und von einer kognitiven oder emotionalen Bewertung zu trennen.

Des Weiteren formulieren die Patienten in der Therapie persönliche „Lebenswerte“ und entwickeln ein flexibleres Selbstkonzept. Das eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich von der steten Symptom- und Schmerzkontrolle zu lösen und das eigene Verhalten wieder mehr an selbstgewählten Werten auszurichten.

„Diese Prozesse tragen dazu bei, die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu erhöhen“, sagt Diefenbacher und verweist auf mehrere Metaanalysen, die die ACT als gleichwertige Alternative zu anderen etablierten Psychotherapie-Verfahren sehen. Die Wirksamkeit der Methode erstreckt sich den Studien zufolge auch auf die Reduktion des Schmerzes – obwohl diese nicht im Fokus der Therapie steht.

T. Schilter, R. Burian, A. Diefenbacher:
Akzeptanz- und Commitment-Therapie bei chronischen Schmerzen
PiD Psychotherapie im Dialog 1/2016, S. 68–71