Gut durch die Schwangerschaft: „Esse für einen, bewege Dich für zwei!“

fzm, Stuttgart, April 2016 – Die Bewegungsempfehlungen für werdende Mütter sind oft sehr zurückhaltend, auch wenn die Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft. Der Leitspruch von Professor Ulrike Korsten-Reck hingegen lautet: „Esse für einen, bewege Dich für zwei“. In der Fachzeitschrift „Die Hebamme“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) erklärt die Medizinerin unter anderem, wie gerade übergewichtige Frauen das Risiko für einen Schwangerschaftsdiabetes durch Sport deutlich senken können und welches Maß an Bewegung Mutter und Kind gut tut.

Die Zeit im Mutterleib stellt eine sensible Phase dar, in der der kindliche Stoffwechsel entscheidende Weichenstellungen erfährt und für das gesamte spätere Leben geprägt wird. Kinder übergewichtiger oder adipöser Mütter, die während der Schwangerschaft einem Überangebot an Glucose ausgesetzt sind, haben im späteren Leben ein dauerhaft erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken oder fettleibig zu werden. „Das trifft vor allem auf Kinder zu, deren Mütter einen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln“, sagt Ulrike Korsten-Reck. Das Risiko für diese Störung lasse sich um rund 60 Prozent senken, wenn übergewichtige Frauen bereits im Jahr vor und während der ersten Hälfte der Schwangerschaft körperlich aktiv sind.

Regelmäßige körperliche Aktivität in der Frühschwangerschaft kann mehreren Studien zufolge auch das Risiko einer Präeklampsie reduzieren. Dabei handelt es sich um eine ernste Erkrankung, die lebensbedrohliche Komplikationen für Mutter und Kind mit sich bringen kann. Über welche Mechanismen der Sport dem entgegenwirkt, ist noch unklar. „Möglicherweise spielt das bessere Plazentawachstum eine Rolle, das durch regelmäßige Bewegung erreicht wird“, sagt Korsten-Reck. Körperliche Aktivität wirke nachweislich auch entzündlichen Prozessen im Körper entgegen.

Voraussetzung für ein regelmäßiges Training sei allerdings eine unkompliziert verlaufende Schwangerschaft, gibt die Freiburger Medizinerin zu bedenken. Bei Komplikationen müsse die sportliche Betätigung abgebrochen und der Frauenarzt konsultiert werden. Auch zu großer Ehrgeiz sei nicht angebracht: Das Training diene nicht der Leistungssteigerung, sondern dem Erhalt der Fitness. Bereits zuvor sportlich aktive Frauen können ihr Leistungspensum bis zur 20. Schwangerschaftswoche aufrechterhalten und erst dann langsam reduzieren.

Zuvor inaktive Frauen sollten versuchen, sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft auf ein Pensum von dreimal wöchentlich 30 Minuten moderaten Trainings zu steigern. Wenn möglich sollte jede Schwangere als Ziel ein 30-minütiges Training an den meisten Tagen der Woche anstreben. Dabei gilt eine moderate Intensität als völlig ausreichend. „Ein guter Indikator ist der Talk-Test“, erläutert Korsten-Reck. Die Schwangere sollte sich während der Belastung noch normal unterhalten können.

Als Übungen kommen sowohl Ausdauer- als auch Kräftigungsübungen in Frage. Letztere gegen reduzierten Widerstand, aber mit höherer Wiederholungszahl. Wer sich bisher nie sportlich betätigt hat und sich dies auch nicht zutraut, kann angesichts solcher Maßgaben schnell den Mut verlieren. Dazu bestehe aber kein Grund, betont Korsten-Reck. „Bereits eine Stunde schnelles Gehen am Tag trägt dazu bei, das Risiko schwangerschaftsbedingter Erkrankungen zu reduzieren; die subjektive Körperwahrnehmung ist hier entscheidend“, erklärt die Ärztin.

U. Korsten-Reck:
Sport und Bewegung in der Schwangerschaft: Prävention und Gesundheitsförderung
Die Hebamme 2016; 29 (1); S. 55–60