Selbstmord von Patienten: Der Trauer einen Rahmen geben

Stuttgart, Mai 2012 – Ein Suizid lässt die Hinterbliebenen oft hilflos und voller Selbstvorwürfe zurück. Das gilt in erster Linie für Angehörige und Freunde – in psychiatrischen Einrichtungen aber auch für Mitpatienten und, trotz aller professionellen Distanz, für Therapeuten. Der Berufsalltag bietet jedoch oft wenig Raum, um die Trauer zu verarbeiten. In der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) beschreibt die Ergotherapeutin Daniela Wolter die Erfahrungen, die sie bei ihrer Arbeit in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie gemacht hat.

„In der Psychiatrie zu arbeiten heißt, sich damit auseinandersetzen zu müssen, wie zerbrechlich das menschliche Leben ist“, sagt Daniela Wolter. Seit sechs Jahren ist sie als Ergotherapeutin in einer solchen Einrichtung tätig; in dieser Zeit haben sich sieben Patienten, mit denen sie zuvor gearbeitet hatte, das Leben genommen. Die Nachricht vom Tod eines Patienten trifft Therapeuten wie andere Patienten immer unvorbereitet – es gebe keinen optimalen Weg, darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, betont Daniela Wolter. Während die Mitpatienten früher in einer umgehend einberufenen Gruppensitzung informiert wurden, sind die meisten Einrichtungen inzwischen dazu übergegangen, die Nachricht langsam durchsickern zu lassen. Erst dann wird gezielt mit besonders betroffenen Patienten gesprochen. Zu negativ waren die Erfahrungen aus den akuten Gruppensitzungen, wenn der Therapeut oder die Therapeutin selbst noch um Fassung ringt.

Besonders nahegegangen ist Daniela Wolter der Freitod einer jungen Patientin, die erst seit kurzem aus der Einrichtung entlassen worden war. Die 25-jährige Frau war wegen einer paranoiden Schizophrenie in Behandlung gewesen und hatte mit Freude und Engagement an verschiedenen therapeutischen Angeboten teilgenommen. Dabei hatte sie stets so gewirkt, als wolle sie so schnell wie möglich in ihr gewohntes Leben zurückkehren. Tatsächlich fand sie bereits zwei Monate nach ihrem teilstationären Aufenthalt eine neue Arbeitsstelle. Wenige Tage, bevor sie diese antreten sollte, setzte sie ihrem Leben jedoch ein Ende.

„Als ich morgens vor Arbeitsantritt davon erfuhr, traf mich die Nachricht wie ein Schlag“, berichtet Daniela Wolter. Den Rest des Tages habe sie neben sich gestanden und vermutlich auch den Teilnehmern ihrer Ergotherapieangebote keinen Trost spenden können. „Ich konnte nur zeigen, dass ich ebenso wie sie ein verletzlicher Mensch bin, der auf derartige Ereignisse auch keine Antwort hat“, sagt sie.

Vielleicht ist aber gerade das gar kein schlechtes Signal. Daniela Wolter selbst hat es als wohltuend empfunden, als der Freitod der jungen Frau wenige Tage später in der Morgenrunde thematisiert wurde. Denn hier konnte sie feststellen, dass sie mit ihrem Entsetzen nicht allein war – viele andere Patienten und Therapeuten waren ebenfalls ratlos, warum ausgerechnet eine als willensstark und zielstrebig empfundene junge Frau den Weg in den Suizid gewählt hatte.

Wie er seine Trauer am besten verarbeiten kann, muss jeder Betroffene letztlich für sich herausfinden und erspüren. Dennoch sind Hilfestellungen von außen möglich: Nach Ansicht von Daniela Wolter sollte das Thema Suizid bereits in der Therapeutenausbildung angesprochen werden. „Vielleicht kann es hilfreich sein, etwas von den Trauerphasen nach einem Suizid gehört zu haben, um seine eigenen Empfindungen besser einordnen zu können“, so die Ergotherapeutin. In Kliniken wäre es denkbar, dass etwa Trauerecken, in denen Bilderrahmen aufgestellt werden können, oder ein Kondolenzbuch einen offeneren Umgang mit der Trauer ermöglichen. Dagegen spreche allenfalls die Befürchtung, dass zu viel Aufmerksamkeit für Suizidopfer andere Mitpatienten zur Nachahmung anrege, räumt Daniela Wolter ein. In jedem Fall aber könnten Supervisionen, Teambesprechungen, Gespräche mit dem Klinikseelsorger und der Respekt für den Wunsch des anderen, nicht mehr leben zu wollen, dazu beitragen, dass Therapeuten das Thema Suizid nicht unverarbeitet verdrängen.

D. Wolter:
Und wer fängt uns auf?
ergopraxis 2012; 5 (5): S. 24-26

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