Sterbebegleitung: Offene Kommunikation baut Ängste bei Angehörigen ab

Stuttgart, Februar 2012 – Wenn Patienten auf Intensivstation mit dem Leben ringen, ist dies auch für Angehörige eine große emotionale Belastung, vor allem wenn sie im Fall einer Sterbebegleitung zusammen mit dem Arzt den mutmaßlichen Patientenwillen feststellen müssen. Konflikte lassen sich in dieser Situation nur durch eine offene Kommunikation vermeiden, schreiben Notfallmediziner in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

Nicht alle Patienten haben in einer Patientenverfügung ihren Willen über lebensverlängernde Maßnahmen festgelegt oder darin die aktuelle Situation vorhergesehen. Angehörige sind ein wichtiger Partner für Ärzte, um im Sinne des Patienten zu entscheiden. Die Rolle des Patientenvertreters stellt für viele Angehörige, die bereits die Erkrankung des Patienten nur schwer verkraften, eine zusätzliche Belastung dar, berichten Privatdozent Dr. Thomas Wurmb und Professor Dr. Norbert Roewer vom Universitätsklinikum Würzburg: Mehrere Studien fanden Angstzustände, Depressionen und Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung bei den Angehörigen. Hinzu kommt, dass ständig neue Entscheidungen zu treffen sind. Jeder Tag ist auf einer Intensivstation anders, schreiben die Autoren.

In dieser Situation kommt es nach Erfahrung von Dr. Wurmb und Professor Roewer häufig zu Konflikten. Nicht nur Arzt und Angehörige diskutierten über das richtige Vorgehen. Auch unter den Ärzten und mit dem Pflegepersonal gebe es häufig Diskussionen. Die beiden Intensivmediziner plädieren in dieser Situation für eine offene Kommunikation. Jede Intensivstation sollte über einen abgetrennten Raum mit ausreichend Sitzgelegenheiten in einer ruhigen Umgebung verfügen, fordert er. Die Umgebung, in der Angehörigengespräche stattfinden, sei die Basis für eine gute Atmosphäre. Im Gespräch sollten Ärzte sich bemühen, den Angehörigen die komplizierten Entscheidungen auf Intensivstation klar und einfach zu erklären. Fachausdrücke gehören nur sehr begrenzt und möglichst übersetzt in die Gespräche, finden Dr. Wurmb und Professor Roewer.

Dabei benötigen die Intensivmediziner, die ansonsten in komplexen Situationen schnelle Entscheidungen treffen müssen, vor allem eins: Geduld. Viele Angehörige benötigen Zeit, um sich schrittweise mit der neuen Lebenssituation auseinander zu setzen. Doch die Autoren sind überzeugt: Eine offene Kommunikation kann Konflikte vermeiden. Sie steigert die Zufriedenheit der Angehörigen mit der Behandlung und erleichtert damit auch deren Trauerarbeit.

T. Wurmb, N. Roewer:
Arzt-Patient-Angehörigen-Beziehung auf der Intensivstation – essenzielle Grundlage einer erfolgreichen Therapie?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137 (01/02): S. 41-45

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