Stressfrei durchs erste Lebensjahr

Stuttgart, März 2012 – Kaum ist die Geburt gut überstanden, werden die frischgebackenen Eltern schon mit Tipps und Angeboten überhäuft: Babyschwimmen und Musikkindergarten, Massagekurse und mehrsprachige Erziehung. „Man muss nicht alles mitmachen, damit sich ein Kind gut entwickelt“, lautet das Credo von Monja Sales Prado. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) räumt die Physiotherapeutin und zweifache Mutter nun mit vielen Mythen zur kindlichen Frühförderung auf.

Monja Sales Prado behandelt in ihrer Praxis Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Mukoviszidose, neurologischen Krankheitsbildern und anderen Störungen, die tatsächlich Förderbedarf haben. Bei gesunden Kindern gilt ihrer Ansicht nach jedoch oft: Weniger ist mehr. Wenn Eltern sich zum Beispiel wöchentlich zum Kinderschwimmen schleppen, obwohl das Kind dort permanent schreit und sie selbst auch kein Wasser mögen, dann trägt dies sicherlich nicht zur guten Entwicklung bei. „Sämtliche außerhäuslichen Förderprogramme sind nicht notwendig, wenn ein Baby in einem normalen Umfeld aufwächst“, sagt Sales Prado – und das sei allermeistens der Fall. Babys bräuchten vor allem die Zuwendung ihrer Eltern. Insbesondere ganz kleine Säuglinge sind darauf angewiesen, dass die Eltern sie mitnehmen, ihnen die Umwelt zeigen, sie viel tragen und ihnen Körperkontakt anbieten. Wer sein Kind in den Alltag einbezieht und etwa gemeinsam mit ihm die Mahlzeiten zubereitet und einnimmt oder es am Ausräumen der Waschmaschine teilhaben lässt, bietet ihm bereits sehr viele neue Erfahrungen.

Viele Eltern müssen eher lernen, auch das Ruhebedürfnis ihrer Kinder zu erkennen. „Wenn ein Kind sich abwendet oder Rückzugssignale zeigt, dann muss man ihm eine Ruhepause gönnen“, sagt Monja Sales Prado. Auch durch zu viel gleichzeitig dargebotenes Spielzeug könnten die Kinder in eine Reizüberflutung geraten.

Entspannen können Eltern auch, wenn es um die Frage des Sitzens geht. Einer strengen Lehrmeinung zufolge dürfen Babys erst dann sitzen, wenn sie sich selbst hinsetzen können. „Das sehe ich nicht so streng“, sagt Sales Prado. Manche Kinder seien im Liegen zufrieden – und manche eben sehr rasch nicht mehr. Wenn etwa ein neunmonatiges Kind bereits kurz frei sitzen kann und sich auf dem Arm nicht mehr füttern lässt, spricht ihrer Ansicht nach nichts dagegen, es im Hochstuhl sitzend zu füttern. Allerdings sollten die Kinder auch in dieser Phase noch immer die meiste Zeit auf dem Boden liegend verbringen und nicht in Sitz oder Babyschale, wo die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt ist.

Ins Reich der Mythen verweist die Gerlinger Physiotherapeutin auch die Annahme, dass junge Mütter viele Tipps und Ratgeber bräuchten. „Mütter sollen vor allem so sein wie sie sind“, sagt sie und betont die Einzigartigkeit jeder Mutter-Kind-Beziehung. Ihr selbst geht es in ihren Kursen hauptsächlich darum, unsichere Mütter in ihren Stärken zu unterstützen. Und vermutlich ist für eine von der Fülle gutgemeinter Ratschläge verunsicherte Mutter nichts so wohltuend wie Sales Prados Satz: „Ihr Kind kennt keine andere Mama. Sie machen es gut so!“

Monja Sales Prado:
Locker bleiben
physiopraxis 2012; 10 (3): S. 38-41

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