Kritik an Ganzkörper-Check: Kein Bonus für die Gesundheit

fzm – In Deutschland werden sie Menschen, die es sich leisten können, bereits angeboten: Ganzkörper-Untersuchungen in der High-Tech-Röhre und als Zugabe eine Kardio-Computertomografie für das Herz. Einen “Bonus” für die Gesundheit können Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) darin nicht erkennen. Sie warnen vor dem Psycho-Stress durch Fehlalarme und einem nicht unerheblichen Strahlenrisiko.

Für knapp 1200 Angestellte einer japanischen Firma war der Wunschtraum nach einem Ganzkörper-Krebsscreening Wirklichkeit geworden. Der Arbeitgeber bot ihnen im Rahmen einer Studie jedes Jahr eine Computertomografie (CT) von Brust und Bauchbereich und eine Kernspintomografie (MRT) von Gehirn und Becken an. Dazu wurde noch eine Positronen-Emissions-Tomografie des gesamten Körpers durchgeführt. Sie kann etwaige Krebsgeschwüre am vermehrten Energiehunger aufspüren. Schließlich wurde der Stuhlgang auf Blutspuren von Darmkrebs hin untersucht, und im Blut nach sogenannten Tumormarkern gefahndet: Dies sind Moleküle, die von Krebsgeschwüren freigesetzt werden.

Die Ausbeute nach drei Jahren Vorsorge war gering. Die Ärzte entdeckten zwar einige wenige Krebsleiden, doch auf jeden Tumor kamen 19 Fehlalarme: falsch-positive Befunde im Krebs-Check. Hier stellte sich, oft erst nach belastenden Nachuntersuchungen heraus, dass doch kein Krebs vorlag. Und bei den wenigen Menschen mit echtem Krebsleiden ist keineswegs sicher, dass die Früherkennung ihr Leben gerettet hat. Dies sei bisher in keiner Studie untersucht worden, berichtet Dr. Birgitta Weltermann, die Leiterin der Arbeitsgruppe Health Outcomes an der Universität Duisburg-Essen.

Hinzu kommt: Der Krebs-Check selbst kann zum Krebsauslöser werden. Das Vorsorgeprogramm der japanischen Firma setzte die Mitarbeiter einer erheblichen Strahlenbelastung aus, berichtet Dr. Weltermann. Dies ist vor allem auf das CT zurückzuführen, die eine Variante der Röntgenuntersuchung ist. Wird das CT vollständig durch das MRT ersetzt, das ohne Strahlung auskommt, steigt jedoch die Zahl der falsch-positiven Befunde weiter an. Dr. Weltermann berichtet von einer Studie aus Hongkong, in der nicht weniger als 94 Prozent der Teilnehmer Auffälligkeiten im MRT hatten. Bei jedem fünften Teilnehmer wurden Zusatzuntersuchungen notwendig.

Auch das “Kardio-CT” sehen die Expertin und ihre Kollegen kritisch. Diese Variante der Computertomografie macht Verkalkungen in den Herzkranzgefäßen sichtbar, ohne dass sich Patienten einer Herzkatheteruntersuchung unterziehen müssen. Der Sinn wird von ärztlichen Fachgesellschaften jedoch infrage gestellt. Eine Früherkennung der Koronaren Herzkrankheit sei auch ohne Kardio-CT möglich, wirft Dr. Weltermann ein. Weltweit habe sich eine Stufendiagnostik bewährt. Sie beginnt mit einer persönlichen Risikoberechnung, an die sich medizinische Tests wie EKG und Ergometer und in wenigen Fällen eine Katheteruntersuchung, die sogenannte Koronarangiografie, anschließen. Diese belastende Untersuchung bleibe im Übrigen auch Patienten nach einem Kardio-CT nicht erspart, wenn Kalk in den Herzkranzgefäßen gefunden werde, bemerken die Autoren.

Wegen der hohen Strahlenbelastung lehnen Strahlenschutzexperten Ganzkörper-CT und Kardio-CT als Früherkennungsmaßnahme ab, berichten Dr. Weltermann und ihr Team. Sie selbst fordern Ärzte, die diese Untersuchungen trotzdem anbieten, auf, ihre Kunden über alle Risiken detailliert zu informieren. Sonst läge ein Verstoß gegen den ethischen Grundsatz „nil nocere“ vor, der den Arzt verpflichtet, seine Patienten vor möglichen Schäden zu schützen.

B. Weltermann et al.:
Check-up mit radiologischen und nuklearmedizinischen Verfahren: Früherkennung „um jeden Preis“?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (16): S. 813-8

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