• Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann (l.) und Prof. Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel (2.v.r.) gemeinsam mit den diesjährigen Preisträgern, Dr. med. Natalia Krawczyk und Prof. Dr. med. Hans-Georg Schnürch, auf dem DGGG-Kongress in Berlin. © DGGG

    Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann (l.) und Prof. Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel (2.v.r.) gemeinsam mit den diesjährigen Preisträgern, Dr. med. Natalia Krawczyk und Prof. Dr. med. Hans-Georg Schnürch, auf dem DGGG-Kongress in Berlin. © DGGG

     

GebFra-Preis 2018 geht an Übersichtsarbeit und Leitlinie zu gynäkologischen Tumoren

Stuttgart/Berlin, November 2018 – Die Zahl bösartiger Tumoren an den äußeren weiblichen Geschlechtsorganen nimmt zu. Nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft sind Vulvakarzinome inzwischen die vierthäufigste Krebsart im weiblichen Genitalbereich. Vor diesem Hintergrund haben die Koordinatoren Professor Dr. med. Hans-Georg Schnürch und Professor Dr. med. Monika Hampl gemeinsam mit Experten verschiedener Fachrichtungen eine neue Leitlinie erarbeitet. Die Handlungsempfehlungen sollen Ärzten einen einheitlichen Kenntnisstand bieten und eine hohe Qualität in Diagnostik und Therapie garantieren. Für die Publikation der Leitlinie erhalten die Autoren den diesjährigen GebFra-Preis der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“. Darüber hinaus zeichnen die Thieme Gruppe und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) Dr. med. Natalia Krawczyk und Co-Autoren aus. Mit ihrer Übersichtsarbeit zu Endometriose-assoziierten Malignomen fassen die Wissenschaftler den aktuellen Forschungsstand zu Tumoren zusammen, die sich aus einer Endometriose entwickeln können. Unter dieser gutartigen Gewebewucherung leiden schätzungsweise fünf bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Die Preisverleihung erfolgte am Samstag, den 3. November 2018, im Rahmen des 62. Kongresses der DGGG in Berlin.

Vulvakarzinome – bösartige Tumoren an Venushügel, Schamlippen, Scheidenvorhof oder der Klitoris – treten inzwischen immer häufiger auf. „Das Wissen hinsichtlich eines optimalen klinischen Managements ist jedoch wegen der früheren Seltenheit und dem daraus resultierenden Mangel an Literatur an vielen Stellen lückenhaft“, so die Gynäkologin Professor Hampl, leitende Oberärztin an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. Die 2016 veröffentlichte Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) in der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) füllt diese Lücke und informiert über den aktuellen medizinischen Standard. Neben Diagnostik und Therapie behandelt die Leitlinie auch Rehabilitation, Nachsorge und psychosoziale Aspekte sowie die Lebensqualität der Patientinnen. „Die Leitlinie bietet klare und individualisierte Behandlungsempfehlungen und soll die Qualität der Therapie steigern. Sie richtet sich an alle Berufsgruppen, die Patientinnen mit Vulvakarzinom versorgen, und kann auch den Patientinnen selbst als Informationsquelle dienen“, erklärt Professor Schnürch, ehemaliger Chefarzt der Frauenklinik am Lukaskrankenhaus Neuss, der gemeinsam mit Hampl die Arbeit an der Leitlinie koordiniert hat.

Die zweite ausgezeichnete Publikation fasst den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu Endometriose-assoziierten Malignomen (EAM) zusammen. Die Endometriose zählt zu den häufigsten Erkrankungen von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, bei der Schleimhautgewebe (Endometrium) aus der Gebärmutter in den Bauchraum wandert. Dieses Gewebe kann sich unter anderem auf der Gebärmutter, dem Bauchfell, den Eileitern und vor allem am Eierstock festsetzen und gutartige Geschwulste bilden. Symptome der Endometriose sind beispielsweise Schmerzen bei der Monatsblutung oder Unfruchtbarkeit.

„In seltenen Fällen kommt es zu Endometriose-assoziierten Malignomen (EAM), also zu bösartigen Tumoren“, erklärt die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Krawczyk. Sie ist als Oberärztin an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf tätig. 80 Prozent dieser bösartigen Tumoren befinden sich auf den Eierstöcken (Ovarien), man spricht dann von einem Endometriose-assoziierten Ovarialkarzinom (EAOC). 20 Prozent treten außerhalb des Genitaltraktes auf, etwa im Darm oder dem Brustfell. Zudem fällt auf, dass EAOC-Patientinnen meist fünf bis zehn Jahre jünger sind als die „klassische“ Ovarialkarzinompatientin. Der Tumor wird in der Regel in einem frühen Stadium festgestellt; die Prognose für die betroffenen Frauen ist dann günstig. „Aufgrund des seltenen Auftretens der EAM liegen hierzu bislang nur wenige systematische Studien vor“, fassen Krawczyk und Co-Autoren zusammen. Es sei daher begrüßenswert, dass sich die Stiftung Endometrioseforschung und die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) derzeit in einer retrospektiven Studie mit der genauen Charakterisierung der Tumore beschäftigten.

„Beide Beiträge liefern wichtige Daten und Empfehlungen für die Versorgung und Behandlung der jeweiligen Patientinnen. Die ausgezeichnete Leitlinie trägt der zunehmenden Zahl an betroffenen Patientinnen Rechnung und bietet Ärzten verbindliche und evidenzbasierte Empfehlungen für eine individuelle und dadurch verbesserte Behandlung. Die Übersichtsarbeit zu Endometriose-assoziierten Malignomen widmet sich einer seltenen Krebsform, die jedoch aus einer Erkrankung erwächst, die in der gynäkologischen Praxis sehr präsent ist“, begründen Professor Dr. med. Matthias W. Beckmann, leitender Herausgeber der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ und Professorin Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel, Präsidentin DGGG, die Entscheidung der Jury.

Über den Preis

Die Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“, kurz „GebFra“, ist das offizielle Organ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Mit dem gleichnamigen Preis zeichnet die Thieme Gruppe gemeinsam mit der Fachgesellschaft herausragende Original- und Übersichtsarbeiten oder Leitlinien in der Gynäkologie und Geburtshilfe aus, die innerhalb der letzten beiden Jahre in der Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Die von der Thieme Gruppe gestiftete Auszeichnung ist mit insgesamt 5000 Euro dotiert. Sie wird alle zwei Jahre im Rahmen der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) verliehen.

H. G. Schnürch, S. Ackermann, C. D. Alt, J. Barinoff, C. Böing; C. Dannecker, F. Gieseking, A. Günthert, P. Hantschmann, L. C. Horn, R. Kürzl, P. Mallmann, S. Marnitz, G. Mehlhorn, C. C. Hack, M. C. Koch, U. Torsten, W. Weikel, L. Wölber, M. Hampl:
Diagnosis, Therapy and Follow-up Care of Vulvar Cancer and its Precursors. Guideline of the DGGG and DKG (S2k-Level, AWMF Registry Number 015/059, November 2015
Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Vulvakarzinoms und seiner Vorstufen. Leitlinie der DGGG und DKG (S2k-Level, AWMF-Registernummer 015/059, November 2015)
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2016; 76 (10); S.1035–1049

N. Krawczyk, M. Banys-Paluchowski, D. Schmidt, U. Ulrich, T. Fehm: Endometriosis-associated Malignancy
Endometriose-assoziierte Malignome
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2016; 76 (2); S.176–181

 

Auf dem Bild sind zu sehen: Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann (l.) und Prof. Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel (2.v.r.) gemeinsam mit den diesjährigen Preisträgern, Dr. med. Natalia Krawczyk und Prof. Dr. med. Hans-Georg Schnürch, auf dem DGGG-Kongress in Berlin. © DGGG