Praxis und Perspektiven moderner Gefängnismedizin

Stuttgart, April 2009 - Lind sein, Würfelhusten oder Augen auf Null stellen: Spezielle Ausdrücke sind nicht die einzige Herausforderung, der sich im Strafvollzug tätige Ärzte stellen müssen. 62 348 Menschen waren 2008 in deutschen Gefängnissen inhaftiert. Sie weisen im Vergleich mit der allgemeinen Bevölkerung häufiger und verstärkt Gesundheitsprobleme auf. Es sind vor allem Drogenabhängigkeit, Infektionskrankheiten und psychische Probleme, die den medizinischen Alltag hinter Gefängnismauern bestimmen. Dass Gefängnismedizin mehr ist als die gesundheitliche Versorgung einer gesellschaftlichen Randgruppe, zeigt das Buch „Gefängnismedizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Das Werk gibt erstmals einen Überblick über die Praxis, Probleme und Perspektiven moderner medizinischer Versorgung unter Haftbedingungen.

„Der Schutz der Menschenwürde endet nicht vor den Toren des Justizvollzuges. Gefangenen soll die Fähigkeit vermittelt werden, in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Damit dies gelingt, ist auch eine gute medizinische Betreuung nötig“, schreibt Bundesjustizministerin Brigitte Zypries im Geleitwort zum jetzt erschienenen Buch. Diese Betreuung birgt zahlreiche Herausforderungen: Der Gefängnisarzt ist mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern konfrontiert, ist Universalansprechpartner und Fürsorger. Er ist Arzt seiner Patienten und gleichzeitig Mitarbeiter einer Institution – was ethische Probleme mit sich bringt und die Arzt-Patienten-Beziehung belasten kann. Rechtliche und medizinische Probleme überschneiden sich: Der Arzt muss patientenorientiert handeln, muss aber auch seine Rolle als Organ des Justizvollzugs erfüllen.

„Die Öffentlichkeit hat wenig konkrete Vorstellungen von den Arbeitsbedingungen hinter Gittern. Meist sind sie geprägt von reißerischen Mediendarstellungen in TV-Serien, anekdotischen Berichten und Fantasien“, erklären Karheinz Keppler und Heino Stöver. Die Autoren beschreiben grundsätzliche Problembereiche gesundheitlicher Versorgung in Haft. So behandelt das Buch nicht nur die Praxis der Medizin im Strafvollzug und spezifische Aspekte der Diagnostik, Therapie und Prävention, sondern auch Themen wie Simulation und Aggravation, das bewusst übertriebene Betonen von vorhandenen Krankheitssymptomen. Ethische und gesetzliche Grundlagen werden genauso thematisiert wie neue Modelle und Ansätze für präventive Maßnahmen und Gesundheitsförderung.

„Gefängnismedizin“ richtet sich an Gefängnisärzte, medizinisches Personal und Strafrechtsanwälte. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis machen das Buch auch für Angestellte im Justizvollzug, Psychologen oder Ehrenamtliche zum hilfreichen Leitfaden. Da die besonderen Belastungen der Gesundheitsversorgung in Haft die Zusammenarbeit unterschiedlichster Professionen erfordern, kommen die Autoren aus verschiedenen Disziplinen. Mediziner, Krankenpfleger und Juristen sind genauso mit von der Partie wie Sozialwissenschaftler und Psychologen. Den Herausgebern war es wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen theoretischen und alltäglich-vollzugspraktischen Beiträgen zu erreichen.

Wissenswertes: Prinzipien der Anstaltsmedizin

Eine bundesgesetzliche Regelung findet sich in den §§ 56-66, 158 StVollzG (Strafvollzugsgesetz). International sind Regelungen zum Gesundheitsbereich im Justizvollzug vor allem in Art. 39-48 der European Prison Rules (2006) zu finden. Zwei Prinzipien werden betont: Das Äquivalenzprinzip und der Primat der Medizin. Ersteres besagt, dass sich die Anstaltsmedizin an den Vorgaben zu orientieren hat, die für Personen in Freiheit gelten. Eine wesentliche Einschränkung ist, dass in Gefängnissen die Möglichkeit der freien Arztwahl aufgehoben ist. Als „Primat der Medizin“ bezeichnet Karlheinz Keppler, dass es die primäre Aufgabe des Anstaltsarztes ist, die medizinische Versorgung von Gefangenen zu gewährleisten. Diese ethische Forderung ist in der Praxis immer wieder gefährdet, da der Arzt auch der vom StVollzG berufene Berater des Anstaltsleiters ist und eine Verwalterrolle der öffentlichen Gesundheit und Hygiene im Gefängnis hat: Er muss die allgemeine Situation im Auge behalten und ist darüber berichtspflichtig.

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